IFA 2019 – ein Rückblick mit einigen Fragezeichen

Es gab einmal Zeiten, da war die IFA das Ereignis schlechthin. Als kleiner Steppke bereits nahm mich mein Vater an die Hand und ich konnte mit damals noch kindlichen Augen bestaunen, was es alles an neuer Technik gab. Man konnte die Stars aus ARD und ZDF treffen, in gefühlt jeder zweiten Halle lief irgendeine Show und der Sommergarten war für alle frei zugänglich. Nicht dass man die Schlagerparade dort gebraucht hätte, aber man konnte eben hin, wenn man wollte. Und man ging mit prall gefüllten Taschen wieder nach Hause, Goodies und Give-Aways gab es gefühlt überall.

Nun bin ich heute ein Teil der IFA, weil ich das Privileg habe, über viele Dinge bereits im Vorfeld zu berichten oder aber hinter den Kulissen anwesend sein zu können. Und damit bin ich vielleicht auch ein Teil des Problems, an dem die IFA zu kranken scheint? Bis auf ganz wenige Ausnahmen gibt es nämlich keine Geheimnisse mehr. Es gibt für den normalen Besucher nicht DIE Überraschung, weil über so vieles bereits vorher informiert wird. Wer sich ein wenig im I-Net umschaut und liest, weiß bereits Tage oder sogar Wochen vorher, was ihn auf der Messe erwartet.

Und das beginnt sogar schon auf dem IMB, dem IFA Innovations Media Briefing, in dem die Branche bereits im Juli darüber informiert, was in diesem Jahr an Neuheiten ansteht. Auch dieses System wird offenbar löchriger. War vor wenigen Jahren die kleine Halle am Alex mit Ausstellern vollgestopft, so tun sich bereits seit dem letzten Jahr immer größere Lücken auf. Selbst Sony, seit Jahren ständiger Teilnehmer des IMB, war in diesem Jahr nicht mehr dort vertreten. Nicht dass mich das schmerzen würde, weil kein Unternehmen mit solcher Selbstherrlichkeit auftrat wie eben Sony, aber es fällt auf. Auch Teufel und HAMA haben sich dem IMB inzwischen entzogen. Andere wie Hisense/Gorenje scheinen aber auch bei Anwesenheit keinerlei Interesse zu haben, sich zu präsentieren und betrachten die Veranstaltung als notwendiges Übel?

Das Konzept der IFA leidet. Es ist klar, dass unter dem Strich jeder auf seine Kosten kommen muss, aber letzten Endes scheint das System immer aufgeblähter und immer konstruierter. Es gibt die IFA NEXT, die IFA SHIFT AUTOMTIVE, die IFA+ SUMMIT und noch einiges anderes. Ja, viele verschiedene Märkte wollen und müssen präsentiert und bedient werden, aber der Ballon wird immer größer – bis er vielleicht platzt? Schon auf dieser IFA 2019 wurde deutlich, dass zahlreiche Hersteller der Presse ihre Produkte lieber außerhalb der Messe präsentieren, statt sich rund um den Funkturm zu versammeln.

So gab es viele Veranstaltungen außer Haus, bei denen zum Beispiel LG lieber in ein Hotel einlud und Shuttle-Services organisierte, statt die neuen Beamer im Stress der Messe vorzustellen. Klipsch, die dieses Jahr mit neuen Produkten den deutschen Markt betreten, verzichteten sogar ganz auf die Messe und luden lieber außerhalb in die ehemalige Dänische Botschaft ein, um hier in entspannter Atmosphäre die Neuigkeiten vorzuführen.

Die gefühlt einzigen echten Überraschungen auf der IFA 2019 waren tatsächlich Braun, die mit neuen Audio-Produkten zurück sind, Philips, die mit dem neuen OLED+984 einen bis dato unbekannten TV präsentierten oder auch Thomson, an deren Stand uns ein Handy mit integriertem Beamer gezeigt wurde. Aber auch Braun lud trotz des Messestandes außerhalb der IFA zum Braun Comeback Event nach Berlin-Kreuzberg. Andere wie Onkyo veröffentlichten ihre Pressemitteilungen erst wenige Tage vor der Messe, so dass man hier mit Vorfreude auf die neuen Receiver den Stand besuchte.

Den gefühlt weniger Besuchern als noch 2018 wurde ansonsten das gezeigt, was man im Portfolio hat und welche Variationen dessen es gibt. Wenn man bei Samsung nun aufgrund von Kundenwünschen (?) auch einen 8K TV in 55 Zoll präsentiert, dann nimmt man diese Aussage zur Kenntnis, denn hier in Deutschland ist selbst 4K noch nicht bei jedem ein Thema.

Aber warum schwindet ganz offensichtlich das Interesse an der ehemals größten Technik-Messe der Welt? Die Gründe sind sicherlich vielschichtig und nicht in ein paar Sätze zu verpacken, dennoch fällt etwas auf. Durch den neuen jährlichen Messe-Zyklus kann nicht jeder Hersteller die Innovation aus dem Ärmel zaubern. Yamaha zum Beispiel war mit nicht einer einzigen Neuerung am gewaltigen Stand vertreten und hatte trotzdem die vollständige Palette dabei. Aber kann das für den Kunden nicht auch ein Vorteil sein? Hat man hier nicht eher das Gefühl, dass der im letzten Jahr für viel Geld teuer erworbene Receiver eben in diesem Jahr nicht schon wieder veraltet ist?

Unternehmen wie Nubert und zahlreiche andere auf Audio spezialisierte Firmen bleiben der IFA ohnehin fern. Auf meine Frage nach dem Warum bekam ich zur Antwort, dass man so lange nicht auf der IFA präsent ist, wie dort weiße Ware, also Kühlschränke und andere Haushaltsartikel ausgestellt werden. Für die HiFi-Brands haben sich die zahlreichen HiFi-Tage und die High End in München als lukrativer und zielgruppenorientierter herauskristallisiert. Der klassische Audio-Fan scheint (leider) auf der IFA nicht mehr vertreten.

Wenn es aber so weit gekommen ist, ist es dann nicht an der Zeit, das Konzept der IFA noch einmal zu überdenken? Wenn es nur noch darum geht, am Ende der Messe mit Zahlen über Besucher oder Aussteller zu glänzen, statt diese Messe für alle wieder interessant zu machen und nach Berlin zu locken, dann begibt sich die IFA auf einen bedenklichen Weg. Bleiben Aussteller weg, bleiben auch die Besucher weg – und umgekehrt. Es ist also ein Teufelskreis, den es zu durchbrechen gilt. Und vielleicht überlegen sich die Hersteller doch, sich die eine wirkliche Überraschung für die Messe aufzusparen, um dem Besucher wieder das Flair vergangener Tage bieten zu können?

Es bleiben also trotz einer großartigen Messe einige Fragezeichen.

 

 

 

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