High End 2019 – das audiophile Wettrüsten

Höher, schneller, weiter ist eigentlich eine Metapher aus dem Leistungssport. Inzwischen lässt sich diese aber problemlos auch auf audiophile Endgeräte übertragen. Denn was dieses Jahr auf der High End stellenweise geboten wurde, passt weder auf die sprichwörtliche Kuhhaut, noch in ein normales europäisches Wohnzimmer.

Da wachsen Boxen inzwischen bis unter die Decke, Kabel erreichen die Dicke von Unterarmen und Phono-Regale kosten so viel wie ein Kleinwagen, weil sie vibrationsarm sind. Der normale Besucher fragt sich, was mit dieser Art der Aufrüstung eigentlich bezweckt werden soll? Es ist schön, auch mal das technisch Machbare zu sehen, denn ohne Grenzen auszuloten gibt es keine Entwicklung, aber wenn jeder Hörraum den anderen in der Größe der ausgestellten Technik übertreffen will, dann passt was nicht.

Und es passt insoweit nicht, dass Größe gleichbedeutend mit perfektem Klang ist. Wir waren in zahlreichen Räumen, haben uns gigantische Boxen und unendlich teure Anlagen verschiedener Hersteller angeschaut und waren stellenweise entsetzt, was uns da als bestmöglicher Sound präsentiert wurde. Erst im Laufe der Messe wurde klar, dass viel zu viele Aussteller den gut situierten asiatischen Markt im Auge haben. Dort hört man Musik aber offenbar mit anderen Ohren. Allerdings haben auch die teuersten asiatischen Wohnungen nicht mehr Fläche als die in Europa. Wo also sollen diese Boxen-Türme dort stehen?

Und trotz aller Enttäuschungen gab es immer wieder die Hersteller, die aus dem Brei herausragten. Yamahas NS-5000 wurden nicht im Atrium, sondern in einem speziell eingerichteten Raum in Halle 4 vorgeführt. Ich kenne die Boxen bereits von ihrer ersten Präsentation in München vom November 2017 und habe mich wirklich verliebt. Hier war die Vorführung in Verbindung mit dem neuen Plattenspieler GT-5000 eine echte Wohltat für die Ohren.

Weitere persönliche Highlights waren Boxen der Wiener Lautsprecher Manufaktur und von LOG Audio, bezeichnenderweise zwei Unternehmen aus Österreich. Beide waren einfach in Sachen Lautsprecher die akustischen Sahnehäubchen in der dumpfen Masse. Die Wiener präsentierten ihr Einsteiger-System Maximilian, bei den Grazern durften wir uns die vollkommen neuen VERVE-Boxen anhören.

Vermisst hatte ich noch auf den Norddeutschen HiFi Tagen Nubert, aber hier waren die Schwaben mit voller Kapelle angetreten. Neben vielen bekannten und bewährten Sachen hatte Nubert auch ihre neue High-End-Soundbar XS-7500 im Gepäck. Ich hatte bereits die AS-450 in den Fingern und war begeistert, das neue Soundmonster steht demnächst zum Test hier.

Aber Klang sind nicht nur Boxen und so durften wir zahlreiche hochklassige Kopfhörer nicht nur in die Finger nehmen, sondern auch ausgiebig anhören. Beeindruckend waren hier für uns in erster Linie die Modelle von Audeze. Ja, man kann sich am High-End-Gerät LCD-C4 nicht satthören, aber selbst alles darunter war in Verbindung mit den Kopfhörer-Verstärkern von Niimbus und Violectric ein Moment der audiophilen Entspannung in der Hektik der Messe.

Aber dass es nicht immer Kopfhörer sein müssen, sondern dass auch In-Ears akustisch in ungeahnten Höhen vordringen können, durften wir bei Ultrasone erfahren. Bisher waren In-Ears für mich immer eine Notlösung, wenn ich unterwegs war und es einfach keinen Platz für einen meiner mobilen Kopfhörer gab. Aber seit Donnerstag muss ich meine Meinung korrigieren.

Was Ultrasone da mit dem neuen Saphire präsentierte, trieb nicht nur mir die Tränen in die Augen. Sechs Treiber und vier Wege in einem handgefertigten Gehäuse sind eigentlich kaum vorstellbar, aber offensichtlich doch machbar. Auch wenn man an einem Messestand eigentlich kaum die nötige Ruhe findet, intensiv zu hören, so waren diese In-Ears in Zusammenarbeit mit dem neuen Hi-Res-DAC Panther wohl das Beste, was ich jemals in den Ohren hatte. Ich freue mich seitdem auf einen ausgiebigen Test in heimischer Umgebung.

Bei audio technica durften wir uns ebenfalls über neue Kopfhörer informieren, wobei wir auf den kommenden ANC-900BT gespannt sind. Aber Musik ist auch Technik und so konnte ich mich umfangreich über Tonabnehmer unterhalten. Mein kleiner Yamaha Vinyl 500 wird also demnächst den Sound noch einmal hochwertiger präsentieren.

Unter dem Strich steht eine Messe mit vielen persönlichen Höhen, aber auch zahlreichen Fragezeichen. Wenn das audiophile Wettrüsten so weitergeht, stehen Boxen in den nächsten Jahren im Freien, weil die Deckenhöhe des eigenen Wohnzimmers nicht mehr ausreicht.

Auch bei einigem Zubehör fragt man sich, was das soll und wer das kauft? Aber gut, HiFi hat auch immer etwas mit Glauben zu tun, getreu dem Motto:

„Das ist blaues Licht“
„Und was macht es?“
„Es leuchtet blau“

 

Beitrag: Michael Schulz
Fotos: Véronique Bauer

 

 

 

2 Gedanken zu „High End 2019 – das audiophile Wettrüsten“

    1. Noch trauriger sind die Figuren, die Beiträge nur zur Hälfte lesen, davon dann auch nur die Hälfte verstehen und zum Abschluss polemische Kommentare unter Berichte setzen, ohne offenbar selbst vor Ort gewesen zu sein 😉
      Von daher, lieber Roland John Eberle, ich diskutiere nicht mit jemandem der nicht weiß, welche Anlage ich privat betreibe.
      Gehab dich wohl, ich verbleibe mit den besten Grüßen

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