Hardwaretest: Yamaha MusicCast Vinyl 500 – Zurück in die Zukunft

Der Plattenspieler ist das wohl älteste Gerät der Unterhaltungsindustrie, bei dem man im Gegensatz zum Radio selbst bestimmen kann, was gespielt und gehört werden soll. Angefangen beim Grammophon und den Schellackplatten gehörte der Plattenspieler bis in die 1980er Jahre zur Grundausstattung der heimischen Stereo-Anlage. Erst mit der Einführung von portablen Abspielern wie dem Walkman oder dem gewaltigen, tragbaren Kassetten-Rekorder und dem anschließenden Erfolg der CD verlor der Plattenspieler für viele seine Bedeutung. Die CD war kleiner, widerstandsfähiger gegen Kratzer und man musste sie nicht wenden, um alle Songs zu hören.

Foto: handbetriebenes und elektrisches Grammophon von Yamaha

Wie bei zahlreichen anderen Menschen auch, löste sich somit meine über die Jahre hinweg zusammengetragene Sammlung an Schallplatten auf und wurde Stück für Stück durch die CD ersetzt. Viele Jahre später bin ich älter und weiser und weiß, dass das ein Fehler war. Aber Fehler lassen sich korrigieren. Seitdem im letzten Jahr klar war, dass Yamaha den Plattenspieler nicht nur reanimiert, sondern diesen auch mit modernster Technik ausstatten wird, begann ich Stück für Stück wieder Vinyl zusammenzutragen. Und auch aktuelle Alben werden nach Möglichkeit wieder auf Vinyl, statt auf CD gekauft.

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Seit der Yamaha MusicCast Vinyl 500 zum Test hier steht, laufen die Platten heiß. Es ist wieder ein Genuss, auf dem Sofa zu sitzen und dem Klang einer LP aus den 1970ern oder 80ern Jahren zu lauschen – inklusive dem bei alten Scheiben üblichen leisen Knacken und Knistern. Das Gefühl, ein Stück Vinyl in die Finger zu nehmen, dieses vor dem Abspielen vielleicht zu reinigen, den Tonarm vorsichtig aufzusetzen und dann Musik zu genießen, hat etwas einerseits nostalgisches und andererseits entschleunigt es heute den Alltag. Man hört der Musik wieder zu.

Aber bevor es soweit ist, will ein Plattenspieler erst einmal korrekt aufgebaut und eingerichtet werden. Der Vinyl 500 kommt in den klassischen Farben lackschwarz oder –weiß und das Yamaha-typisch in überragender Qualität. Nun wird man seinen Plattenspieler selten im Gegenlicht betrachten, aber wer dies einmal tun möchte, wird die perfekt verarbeitete Oberfläche genießen. Klar ist der Lack empfindlich für Fingerabdrücke und Staub, aber gegen Staub schützt die große Abdeckhaube und angefasst wird so ein Gerät ohnehin nur beim Aufstellen.

Alle benötigten Teile wie Tonabnehmer, Plattenteller oder Gegengewicht für den Tonarm sind bestens verpackt. Die vier Füße sind individuell verstellbar, somit lässt sich der Vinyl 500 millimetergenau ausrichten. Profis erledigen dies ohnehin mit einer kleinen Wasserwaage. Das Design des Vinyl 500 ist schlank und täuscht damit ein wenig über die verbaute Technik hinweg. Als einziges Element, das der kantigen Form widerspricht, hat man runde Knöpfe gewählt.

Der Plattenteller hat ein gutes Gewicht und wirkt solide, man hat beim Auflegen das gute Gefühl von etwas Wertigem. Der Tonarm ist gerade und soll somit für ein offenes und transparentes Klangbild sorgen. Beim Tonabnehmer setzt man bei Yamaha auf gute und bewährte Technik von Audio Technica.

Die Anleitung erklärt sauber und verständlich jeden Schritt. Vom Auflegen des Plattentellers, über die Anbringung des Tonabnehmers bis hin zur Einstellung des Drucks für die Abtastnadel und des Antiskatings wird der alte und neue LP-Fan sicher durch den Aufbau des Players geführt. Allein schon diese Schritte auszuführen, sich diese Zeit für die Einrichtung nehmen zu müssen, hatte für mich den Geschmack des Besonderen.

Ist der Aufbau erledigt, wird der MusicCast Vinyl 500 über das beigelegte Cinchkabel mit dem Verstärker verbunden, schon könnte es losgehen. Denn wer Plattenspieler kennt, wird sich über einen kleinen Schieberegler an der Rückseite wundern. Neben dem klassischen Phono Out steht hier noch die Funktion Line Out zur Verfügung. Und hier wird das erste Mal klar, nicht nur einen gewöhnlichen Plattenspieler, sondern ein hochmodernes Stück Technik zu besitzen und zu benutzen, welches weit über das Abspielen einer Schallplatte hinausgeht. Der Yamaha MusicCast Vinyl 500 kann nämlich viel mehr als das, nicht umsonst trägt er den Namenszusatz MusicCast.

Während die Funktion Phono Out tatsächlich nur eine analoge Kabelverbindung mit dem Verstärker herstellt und Schallplatten abspielt, bietet Line Out alle Annehmlichkeiten eines Netzwerkplayers. Der Vinyl 500 ist WLAN fähig, kann also tatsächlich den Klang einer Schallplatte kabellos an einen MusicCast Lautsprecher übertragen und ist somit nicht mehr per Kabel an einen Receiver gebunden. Obendrein beherrscht er die wichtigsten Musik Streaming Dienste. Aber dazu später viel mehr, denn als erstes möchte ich den Plattenspieler so nutzen, wie es seine ursprüngliche Funktion vorsieht.

Wie bereits erwähnt, stocke ich die arg geschrumpfte Sammlung an Schallplatten langsam wieder auf. Flohmärkte und die immer noch vorhandenen kleinen Läden der Vinyl-Händler bieten für den meist schmalen Taler zahlreiche Schätze der analogen Vergangenheit. So fand ich letzte Woche bei einem Besuch im Saarland in einem kleinen Laden namens Rex Rotario drei meiner ehemals in meinem Besitz befindlichen Scheiben. Ich verließ den Laden bereichert mit Kiss – Dynasty, Blondie – Parallel Lines und AC/DC – Dirty Deeds Done Dirt Cheap – und um knapp 45,-Euro ärmer.

Aber auch das sind Schallplatten: Sich mal wieder die Zeit nehmen, nach längst verloren geglaubten Schätzen zu suchen. Umso größer die Freude, dass nach dem kurzen Probehören im Laden alle drei Platten auch zu Hause akustisch in einem Top-Zustand sind und keinerlei übersehene Kratzer den Hörgenuss trüben.

Die Bedienung des MusicCast Vinyl 500 ist etwas, das Menschen, die schon einmal einen Plattenspieler besessen haben, fest in deren DNA verankert wurde. Der Player wird angeschaltet und man wählt je nach Format zwischen 33 oder 45 Umdrehungen, dann entnimmt man die Platte vorsichtig der Hülle ohne sie auf der Rille zu berühren, legt sie auf den Plattenteller, entriegelt die Tonarmsicherung, führt den Tonarm manuell auf die Platte, startet die Platte, senkt den Arm mit dem entsprechenden Hebel ab und lauscht der Musik. Alles bereits tausende Male gemacht und doch wieder so neu und vor allem analog!

Und trotz dieser Handgriffe ist der MusicCast Vinyl 500 weit mehr. Yamaha hat es geschafft, Altes und Neues miteinander zu kombinieren. Denn heute gehört Multiroom einfach dazu, Musik an einem Ort anschalten und in anderen Räumen hören. Damit das funktioniert, ist der Player wie alle anderen Yamaha Geräte MusicCast fähig. Der an der Rückseite angebrachte Schalter wandert nun von der Position Phono Out auf Line Out. Voraussetzung für die Netzwerkfähigkeit ist die MusicCast App, denn über diese erfolgt die Einbindung in das heimische Netzwerk.

Ist die App installiert, wird der Player innerhalb weniger Sekunden problemlos in das System eingebunden. Einfach die App starten, ein neues Gerät hinzufügen, am Player den Connect-Button drücken und in wenigen Sekunden taucht der Vinyl 500 als neue Komponente auf. Und da man an Alexa zurzeit kaum vorbeikommt, hat Yamaha vor einigen Wochen den entsprechenden Skill ausgebracht. Sämtliche Komponenten sind nun auch Alexa-fähig, deswegen schließt die Installation mit der Einrichtung von Amazons digitalem Helfer ab. Um nun tatsächlich aber eine analoge Schallplatte in einem anderen Raum zu hören, ist eine MusicCast-Box zur Ausgabe des Tons notwendig, denn auch wenn der Plattenspieler vieles kann, über integrierte Boxen verfügt er nicht.

Da sich hier bereits einige Yamaha-Boxen in verschiedenen Räumen befinden, habe ich den Plattenspieler als Ausgabegerät mit den vorhandenen Boxen MusicCast 50 und ISX-80 verbunden, um so Musik sowohl in der Küche, als auch im Arbeitszimmer hören zu können. Somit verpasse ich keine Passage eines Songs, wenn ich mir einen frischen Kaffee hole. Gespannt war ich darauf, wie die Übertragung des analogen Signals digitalisiert an die Netzwerkboxen erfolgt? Aber bereits beim Auflegen des Tonarms war klar, dass auch das kleine Knistern am Beginn von I was made for lovin` you mitgenommen wird. Somit bleibt das Gefühl, eine Schallplatte zu hören auch bei Multiroom erhalten.

Allerdings ist Multiroom hier eine technische Möglichkeit, die man nutzt, weil man das bei Yamaha eben kann und weil sie in den Vinyl 500 integriert ist. Der Plattenspieler muss so nicht mehr zwingend an einen Verstärker angeschlossen sein und kann überall da aufgestellt werden, wo eine Steckdose für die Stromversorgung vorhanden ist – Netzwerk und MusicCast Box vorausgesetzt. Viel spannender finde ich hingegen eine weitere Funktion, die interessant für Menschen ist, die einen älteren Verstärker ohne jegliche Netzwerkfähigkeiten besitzen und dennoch die Möglichkeiten des Streamens von Musik erfahren oder nutzen möchten.

Mitte letzten Jahres konnte ich die Yamaha WXAD-10 testen, eine kleine Box, die ältere Verstärker unabhängig vom Hersteller MusicCast fähig macht. Und genau diese Technik ist auch im Vinyl 500 verbaut. Ist der Plattenspieler per Cinchkabel an einen älteren Verstärker ohne Netzwerkfähigkeiten angeschlossen, kann man dennoch die aktuellen Streaming Dienste wie Spotify, Deezer, Tidal, Qobuz, Napster oder AirPlay nutzen.

Statt also wie vielleicht bisher üblich den Sound auf einen kleinen Lautsprecher zu streamen, dient nun der Plattenspieler als Signalempfänger. Dieser nimmt den Stream auf und reicht ihn per Cinchkabel an den Verstärker und damit an die angeschlossenen Boxen weiter. So wird ganz einfach aus jedem Verstärker ein MusicCast fähiges Gerät. Und wer keine Streamingdienste nutzt und stattdessen lieber Musik per Bluetooth überträgt, wird ebenfalls im Vinyl 500 seine Bestimmung finden. Denn auch das ist problemlos möglich. Die Koppelung ist gewohnt simpel, der Vinyl 500 wird sofort als neues Bluetoothgerät erkannt. Ab Ende Oktober wird auch die von MusicCast gewohnte Funktion Bluetooth Ausgabe wieder für alle 2018er MusicCast Geräte hinzugefügt. Somit ist es dann auch möglich z.B. einen Bluetooth Kopfhörer mit dem Vinyl 500 zu verbinden, um die Schallplatte kabellos per Kopfhörer zu genießen. Aber auch damit sind die Funktionen des Plattenspielers noch nicht ausgeschöpft, denn Internetradio ist ebenso möglich, wie die Wiedergabe von PC oder NAS – immer vorausgesetzt, der Plattenspieler befindet sich im heimischen Netz und ist an einen Verstärker mit Boxen angeschlossen.

Und trotz all dieser Fähigkeiten ist der MusicCast Vinyl 500 ein Plattenspieler. Ich habe mir bereits Anfang diesen Jahres und lange vor dem Release die aktuelle und obendrein handsignierte LP I hope you are happy von Blue October vorbestellt. Klar, ich hätte das Album auch streamen oder mir die CD kaufen können, aber ich dachte mir, dass es für diesen Test auch ein neues Album einer meiner Lieblingsbands sein darf, um den Klang zu testen. Die LP wurde tatsächlich erst für diesen Beitrag aus der Plastikhülle befreit.

Die ersten Umdrehungen des überraschend schweren Stück Vinyls zeigen ein sauberes und gleichmäßiges Laufverhalten, Temposchwankungen sind für mich nicht auszumachen. Der Riemen dreht den Teller ohne jegliche störenden Geräusche, einzig beim Anlaufen ist kurz ein leises Surren zu vernehmen. Der Klang ist für ein Gerät in der Einsteigerklasse wirklich einwandfrei. Aber diese Scheibe ist nagelneu und wird zum allerersten Male abgespielt.

Deswegen habe ich mir zu treuen Händen das originale Doppel-Album The Wall von Pink Floyd ausgeliehen. Ich wollte einfach erleben und hören, ob es den von vielen audiophilen Musikfans beschriebenen Unterschied zwischen alten und neuen Schallplatten wirklich gibt? Und auch wenn ich das Album bei seinem Erscheinen 1979 nicht wirklich als das Ereignis empfand, als das es dargestellt wurde, so habe ich meine Meinung dazu spätestens beim Probehören der Yamaha NS-5000 in München geändert. Noch nie durfte ich bis dahin Another Brick in the Wall Part 1 in einer solchen Qualität erleben und dieses Gefühl sollte sich auf dem Vinyl 500 wenn auch im kleineren Rahmen wieder einstellen.

Die alles überragenden Elemente in diesem Stück sind für mich der Bass und das später einsetzende Schlagzeug. Beides kommt so punktgenau und mit einer solchen Klarheit und Dynamik, dass es Gänsehaut verursacht. Überhaupt ist das komplette Album – jetzt Jahre später nach dem ersten Hören – ein Erlebnis der besonderen Art.

Nun mag sich der Musikgeschmack gewandelt haben oder es kommt die Verklärung des Alters hinzu und dennoch bin ich davon überzeugt, dass Schallplatten heute besser klingen denn je zuvor. Und auch scheinen alte Aufnahmen mehr Tiefe und Dynamik zu besitzen, wie die aktuellen Pressungen. Sowohl Blue October als auch Bishop Briggs – beides wirklich gute Alben – reichen in der Qualität nicht an die jetzt wieder zahlreich gehörten alten Aufnahmen heran.

Was aber nicht nur einen gefühlten, sondern einen tatsächlichen Unterschied in der Klangqualität ausmacht, ist der Austausch des Tonabnehmers. Ich habe den vorhandenen gegen den AT95E von Audio Technica ausgetauscht und war überrascht, wie sich das Klangbild noch einmal hörbar verbessert. Wer also neben den avisierten 599,-Euro für den Yamaha MusicCast Vinyl 500 auch noch einmal 35,-Euro in die Hand nimmt, erhält dann neben einem schon sehr guten Einsteigermodell noch einmal eine klangliche Steigerung.

 

Fazit:

Es macht einen Unterschied, ob ich Musik von der CD oder einem Stream konsumiere oder mir eine LP tatsächlich bewusst anhöre. Man muss sich für eine Schallplatte einfach die Zeit nehmen, um sie zu genießen. Das beginnt beim Auspacken und Auflegen und endet nach wenigen Songs, wenn die Platte umgedreht werden muss. Man genießt Musik einfach intensiver. Aus diesem Grund greifen offenbar immer mehr Musikliebhaber wieder zur Schallplatte, denn die Verkaufszahlen zeigen stetig nach oben.

Aber zu einer guten LP gehört auch immer ein guter Player. Und den hat Yamaha in der Einstiegsklasse mit dem MusicCast Vinyl 500 geschaffen. Ein trotz der schmalen Bauweise mit Technik vollgestopfter Plattenspieler, der nebenbei noch netzwerkfähig ist, Musik streamen und aus dem heimischen Netzwerk wiedergeben kann und obendrein für so viel Leistung auch noch bezahlbar ist, will im immer größer werdenden Angebot von immer mehr Herstellern erst einmal gefunden werden.

 

Link zur herstellerseite: Yamaha MusicCast Vinyl 500

Fotos: Michael Schulz + Yamaha Produktfotos

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