Ich gebe es zu, ich bin inzwischen tatsächlich ein wenig verwöhnt. Als Fachjournalist bekommt man, wenn man seinen Job ordentlich macht, im Laufe der Zeit zahlreiche Geräte für einen Test und einen entsprechenden Beitrag anvertraut. Man entwickelt eigene Vorlieben für Sound und lernt, was guten von weniger guten Klang unterscheidet. Und allzu oft vergisst man dabei, dass die eigenen Ansprüche nicht immer mit denen von anderen deckungsgleich sein müssen, weil man die Messlatte zu hoch anlegt. Gerade Kopfhörer gibt es inzwischen wie Sand am Meer und da den Überblick zu behalten, fällt nicht nur dem Käufer mehr als schwer. Hier liegt nun für einen Test der TaoTronics Soundsurge 90 in der Preisklasse von unter 60,-€ und es steht die Frage im Raum, ob ein so preiswerter Kopfhörer die eigenen Ansprüche auch erfüllen kann?

Vor kurzem erreichte mich die erste Pressemitteilung zu einem Unternehmen, das mir so gar nichts sagte, also informiert man sich. TaoTronics ist also eine Tochtergesellschaft der Sunvalley Gruppe, die 2007 im chinesischen Shenzhen gegründet wurde. Diese Gruppe beschäftigt inzwischen 800 Mitarbeiter und vereint sechs Unternehmen unter ihrem Dach. Den Vertrieb in Deutschland übernimmt seit 2009 die ZBT International Trading GmbH mit Sitz in Hamburg. So weit, so austauschbar. Nun halte ich also den ersten Kopfhörer des Unternehmens in der Hand.

Der TaoTronics Soundsurge 90 ist mit aktivem Noise Cancelling ausgestattet. Was vor nicht allzu langer Zeit ein Qualitätsmerkmal war, wird heute vom Kunden erwartet, der sich für einen Bluetooth-Kopfhörer interessiert. Und gerade am Active Noise Cancelling ANC scheiden sich immer wieder die Geister. Dem einen gefällt es, dem anderen wird der Klang zu sehr verfälscht und dem nächsten fällt es gar nicht erst auf, ob ANC aktiviert ist oder nicht. Hier sollte man also schon vor dem Kauf für sich entscheiden, wo das zukünftige Einsatzgebiet des Kopfhörers liegen soll? Verwende ich den eher zu Hause oder im Büro oder benötige ich ein Headset für unterwegs auf dem Weg zur Schule, Uni oder Arbeit?

Angeliefert wird der TaoTronics Soundsurge 90 in einer schlichten Pappschachtel, beim Öffnen fällt jedoch sofort positiv das Hardcase für eine sichere Aufbewahrung auf. In diesem befindet sich der ordentlich gefaltete Kopfhörer. Weiterhin findet man ein USB-C Ladekabel, ein Audiokabel und eine zweiseitige Anleitung vor. Mehr benötigt es nicht, um das Headset sofort in Betrieb zu nehmen. Der Druck auf den Powerknopf lässt eine weibliche Stimme ertönen die mitteilt, dass das Gerät nun angeschaltet ist. Wie bei allen Modellen dieser Art üblich, ist auch beim Soundsurge 90 die Kopplung über Bluetooth kein Hexenwerk, die Verbindung steht augenblicklich. Jetzt noch schnell die Größe des Bügels an den eigenen Kopf angepasst und schon steht den ersten Klängen nichts mehr im Weg.

Als erstes wird Tidal gestartet, dort sammle ich in einer gesonderten Playlist Songs, die ich gerne später würde für einen Test verwenden wollen. Als Zuspieler dient mein aktuelles LG Wing. Los geht es also mit einem Stück von Incubus. Our Love ist ein Titel, der mir aufgrund seiner Intensität auf einigen meiner anderen Kopfhörer so positiv aufgefallen ist. Incubus spielen üblicherweise eine gepflegte Mischung aus Nu Metal und Alternative Rock. Gerade dieser Song ist mir durch einen dynamischen Bass, die ungewöhnlichen Takte des Schlagzeugs, die mitreißende Gitarre und im Mittelteil sogar einer Harfe in Erinnerung geblieben. Schade nur, dass der TaoTronics Soundsurge 90 kaum etwas von dieser Intensität an meine Ohren bringt. Alles wirkt zu oberflächlich und flach, ja, die Stereo-Effekte sind vorhanden, aber dem Sound fehlt so viel von dem, was ihn auszeichnet. Wird nun das ANC hinzugeschaltet, verliert das Headset sogar noch mehr an Dynamik.

Nun gut, kann ja mal passieren, vielleicht ist diese Stilrichtung tatsächlich nichts für den Soundsurge 90. Also geht es weiter mit einem meiner All-Time-Favourites unter den Singern/Songwritern Justin Furstenfeld von Blue October. Ich habe diese Band als Stream, auf CD, Vinyl und habe sie schon diverse Male live erleben dürfen. Und es gibt zahlreiche Songs der Band, die mir eine Gänsehaut verursachen, einer dieser Songs ist der Titel Home. Nun lässt sich ein Song von einem Datenträger niemals mit der Emotionalität vergleichen, mit der der gleiche Titel auf einer Bühne vorgetragen wird, aber leider lässt mich der TaoTronics hier doch relativ kalt. Die Mitten sind ausgeglichen, aber geht es in den Tonlagen nach oben oder unten, fehlt es dem Soundsurge 90 an Intensität.

Dabei klingen die Daten, die man bei TaoTronics auf der Website veröffentlicht, auf den ersten Blick gar nicht schlecht. Der Soundsurge 90 verfügt über alles, was man von einem modernen Kopfhörer erwarten würde. Das beginnt beim bereits erwähnten ANC, geht weiter über Bluetooth 5.0 und eine Akkulaufzeit von bis zu 35 Stunden ohne aktiviertes ANC, mit ANC bleiben immer noch gute 30 Stunden übrig. Die Ohrmuscheln sind mit nicht näher beschriebenen 40 Millimeter Treibern ausgestattet, diese beherrschen die Codecs SBS und AAC. Und auch sonst macht die Verarbeitung einen wirklich guten Eindruck.

Auch wenn der komplette Kopfhörer wie so viele andere Geräte dieser Klasse aus mattem Kunststoff besteht, knarzt hier kein Gelenk, das Design ist schlicht und unauffällig. Die Muscheln bestehen aus Memory-Schaum, der Kopfbügel ist aus weichen Kunstleder gefertigt. Die Ohrmuscheln umschließen selbst meine größeren Ohren einwandfrei, Außengeräusche dringen also kaum an die Ohren und stören die Musik. Gleiches gilt für die Belästigung von Sitznachbarn in Öffentlichen Verkehrsmitteln. Der Sound, der tatsächlich nach außen dringt, hält sich in einem bescheidenen Rahmen und stört somit niemanden wirklich. Damit der Soundsurge 90 auch in das Case passt, lassen sich die Muscheln drehen und umklappen, auch hier verursacht das Plastik keine Geräusche. Was mit aber ein wenig weich erscheint, ist die Größenverstellung des Kopfbandes. Dieses bietet ausreichend Spielraum auch für große Köpfe, macht aber einen schwammigen Eindruck beim Einstellen. Es hält aber beim Tragen seine Position.

Die Steuerung sollte jedem bekannt sein, der schon einmal einen Kopfhörer für den Gebrauch vor der Haustür in den Händen gehalten hat. Alle Schalter sind in der rechten Ohrmuschel untergebracht, lassen sich perfekt mit dem Daumen bedienen und die Rückmeldung aller Buttons ist sauber. Etwas ungewöhnlich ist die Tatsache, dass man zum Verstellen der Lautstärke die Buttons mehrfach drücken muss, um eine Veränderung herbeizuführen. Hält man die Wippe gedrückt, passiert nichts. Aber das ist Gewöhnungssache.

Es wird also Zeit dem ANC vor der eigenen Tür auf den Zahn zu fühlen. Üblicherweise bringt eine aktivierte Geräuschunterdrückung immer ein leichtes Grundrauschen mit sich. Dies ist aber beim Soundsurge 90 zu vernachlässigen, nur empfindliche Ohren nehmen das wahr. Ist ANC nun also aktiviert, gibt sich das Headset alle Mühe, den von außen auf den Kopfhörern eindringenden Geräuschen Herr zu werden, leider nur mit mäßigem Erfolg. Zu viele Nebengeräusche dringen noch an das Ohr und stören den Musikgenuss. Gerade eine Fahrt in der Berliner S-Bahn habe ich schon deutlich entspannter erlebt. Hier muss man tatsächlich Abstriche machen, das können andere Modelle dann deutlich besser, auch wenn die dann wieder in einer anderen Preisklasse spielen.

Natürlich kann der TaoTronics Soundsurge 90 auch Telefon. Die Sprachqualität ist in einer ruhigen Umgebung tatsächlich recht gut. Beide Gegenüber verstehen sich, die Stimmen kommen zwar etwas dumpf, aber dennoch verständlich an. Das ändert sich aber, sobald die Umgebung lebhafter wird. Nun kann das Mikrofon offenbar nicht mehr richtig zwischen Stimme und Umgebung unterscheiden und beim Gesprächspartner kommt die eigene Stimme stellenweise undeutlich an. Zu Hause hingegen ist die Qualität ohne Beanstandungen.

Man ist als Redakteur doch immer ein wenig voreingenommen, wenn man einen Kopfhörer in dieser Preisklasse für einen Test erhält, zudem noch von einer Marke, die bisher noch jeden größeren Bekanntheitsgrad in Deutschland vermissen lässt. Aber man muss eben genau diese Bedenken beiseiteschieben, um objektiv zu bleiben. Also bin ich erneut zahlreiche Playlists auf Spotify durchgegangen, ohne zwischendurch einen anderen Kopfhörer zur Hand zu nehmen. Ich wollte mich noch einmal ganz ohne Vorurteile nur auf den Soundsurge 90 einlassen und den Klang so erleben, wie es das Headset eben darzustellen vermag. Bass ist vorhanden, mir persönlich ist dieser jedoch zu wenig dynamisch. Gerade tiefe Töne sind wichtig, ohne dass diese jedoch das Klangbild dominieren. In den Mitten und Höhen spielt der Kopfhörer ordentlich, ohne aber besonders ausgeprägt zu sein. Gerade bekannte Stimmen erschienen mir häufig zu kraftlos. Nach einigen Tagen Test bleibt unter dem Strich das Ergebnis, dass der TaoTronics Soundsurge 90 ein ausgewogenes Klangbild ohne größere Schwächen, aber eben auch ohne hervorstechende Stärken abliefert.

Fazit:

Für nicht einmal 60,-€ erhält der zukünftige Käufer ein Headset mit guter Verarbeitung und obendrein noch einem in dieser Preisklasse unüblichen Case zur Aufbewahrung. Selbst teurere Modelle bieten da oft nur einen Turnbeutel zum Transport des Kopfhörers. Klanglich gibt sich der TaoTronics Soundsurge 90 alle Mühe, bietet dabei ein recht ausgewogenes Klangbild, ohne mich jedoch wirklich mitzunehmen. Dazu ist nach oben und unten einfach noch zu viel Luft.

Auch das ANC weiß nicht wirklich zu überzeugen. Hier muss der zukünftige Besitzer entscheiden, welchen Einsatzzweck der Kopfhörer erfüllen soll oder ob auf ANC wirklich wert gelegt wird? Mir persönlich machte das Klangbild ohne aktiviertes ANC auch den deutlich besseren Eindruck. Wer hingegen keinen Wert auf einen bekannten Marken-Namen legt und einfach nur einen gut funktionierenden Kopfhörer für unterwegs sucht, der darf sich den Soundsurge 90 gerne anhören.


Link zum Hersteller: TaoTronics Soundsurge 90







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