Hardwaretest: Audeze Mobius – An der Kreuzung zu HiFi und Gaming

Ich muss gestehen, dass mir die Marke Audeze bislang wenig, bis eigentlich gar nichts sagte. Ich hatte mitbekommen, dass man zur letzten Gamescom einen neuen Kopfhörer präsentiert, aber gut, das machen andere auch. Nun lässt man uns den Mobius zukommen, weil wir „an der Kreuzung zu Gaming und audiophil stehen“. Coole Aussage, aber was ist denn der Mobius nun eigentlich? Ein Gaming-Kopfhörer mit HiFi Qualität oder doch eher umgekehrt?

Ich mache mich also erst einmal schlau und erfahre, dass Audeze seit 2008 Kopfhörer produziert. Aber hier verbaut man statt der gängigen Materialien solche, die einstmals für die NASA entwickelt wurden. Herausgekommen sind dabei Treiber mit planarer – also flacher Magnettechnik, deren Membranen reaktionsschneller sind, als die sonst verwendeten Drehspul- oder Dome-Treiber. Mit dem LCD I4 haben die Amerikaner den wohl besten, aber mit 3.000,- Euro auch teuersten In-Ear Kopfhörer der Welt produziert. Nun bin ich noch gespannter als vorher, was den Mobius angeht.

Beim Auspacken bin ich irritiert. Das soll ein Gaming-Kopfhörer sein? Wo sind die Ecken und Kanten, wo sind die knallig-farbigen Design-Elemente, mit denen die sonst üblichen Verdächtigen versuchen, bei den Gamern zu punkten? Der Mobius hat nichts von dem – zumindest in der mir vorliegenden Version. Schlichtes Schwarz vermischt sich mit einigen kupferfarbenen Elementen, es gibt keine Kanten, alles ist in einem eher klassischen, runden Design gehalten. Und das ist so wohltuend, wenn man den Mobius mit den futuristisch anmutenden und grellen Gaming-Pendants vergleicht. Wer aber doch lieber seinen Gamer-Status betonen will, greift zur blauen Version.

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Der Mobius ist ein geschlossener Over-Ear-Kopfhörer. Die erste Haptik vermittelt viel Kunststoff, aber auch weiches (Kunst-)Leder am Kopfbügel und den Ohrmuscheln. Und er liegt schwer in der Hand, offenbar wiegt die innen verbaute Technik doch einiges? Da ich keine Daten zum Gewicht finde, muss die digitale Küchenwaage herhalten. Und ich habe mich nicht getäuscht, 361 Gramm können vielleicht auf Dauer doch ganz schön schwer werden? Aber das wird der Test zeigen. Die Ohrmuscheln sind leicht geneigt, so merkt man sofort, ob der Kopfhörer richtig sitzt – falls man den kleinen Buchstaben R und L in den Muscheln nicht traut.

Die Bügelmechanik ist angenehm schwergängig, ohne störrisch zu sein. Sie rastet sauber ein und hält dann auch. Für egal welche Kopfform ist der extrem flexible Kopfbügel wie gemacht. Aber auch wenn man kurz kommunizieren will und eine Ohrmuschel anhebt, erweist sich die bewegliche Halterung als durchaus sinnvoll. Man hat nicht das Gefühl, den Bügel zu verbiegen oder gleich richtig kaputt zu machen. Was aber zumindest anfangs Respekt einflößt, sind die scheinbar unzähligen Knöpfe, Regler und Schalter, die in der linken Ohrmuschel verbaut sind. Doch irgendwie will der Mobius ja bedient werden.

Zum Lieferumfang gehören zwei USB-Kabel, ein Audiokabel und ein flexibles und abnehmbares Bügelmikrofon. Alles kommt in einer großzügigen und stabilen Tragetasche daher, damit man das Gerät auch ordentlich und gegen Schäden geschützt zum nächsten Event transportieren kann. Mir persönlich immer wichtig, ist eine Anleitung in gedruckter und lesbarer Form. Diese liegt bei, ebenso wie eine kleine Pappkarte, auf der alle Funktionen noch einmal in Kurzform erläutert sind.
So weit, so Kopfhörer, große Augen macht man dann, wenn man sich die technischen Fähigkeiten zum Mobius anschaut.

Die Zauberworte beim Mobius sind 3D und Headtracking. Was beim TV schon vorbei war, bevor es richtig angefangen hat, setzt Audeze nun erstmalig bei einem Kopfhörer ein. Und ich finde dieses einen erwähnenswerten Ansatz, denn das menschliche Ohr nimmt seine Umgebungsgeräusche auch in allen drei Dimensionen wahr. Wir erkennen Geräusche vor uns, das sollte normal sein. Aber das Ohr kann auch Schall über oder sogar hinter dem Kopf orten, ohne den Kopf dafür zu bewegen. Warum also sollte man diese Fähigkeiten mit dem Tragen eines Kopfhörers einbüßen? Nun wird man Musik eher selten im dreidimensionalen Raum hören, da ist mir persönlich der klassische Stereo-Sound immer noch am Liebsten. Aber bei einem Film oder Spiel machen diese Fähigkeiten durchaus Sinn.

Audeze stattet den Mobius daher mit dem vollen Raumklang-Paket aus, wie man es sonst nur von einem umfangreichen Heimkino-System gewohnt ist. Von den ganz klassischen 2.0 Stereo-Sounds bis hin zu 7.1 Raumklängen simuliert der Kopfhörer die aktuellen Soundmodi. Um das zu realisieren, hat man sich bei Audeze mit Waves zusammengetan, deren Audio-DSP-Techniken zu den besten der Welt gehören. So erfolgt eine Sound-Lokalisierung in allen drei Ebenen, der Sound wird selbst bei Kopfbewegungen geortet. Ein zumindest in der Theorie unschätzbarer Vorteil beim Gaming, wenn man den Gegner noch nicht sieht, aber ihn vielleicht schon hört.

Auch bei den Übertragungsmöglichkeiten geizt man nicht. So stehen mit der Kabelverbindung per Klinke und USB, sowie per Bluetooth gleich drei Möglichkeiten zur Verfügung, den Klang vom Ausgabegerät ans Ohr zu bringen. An Codecs zur Übertragung bietet Audeze das verlustbehaftete SBC, mit AAC den hochwertigen Nachfolger von MP3 und mit LDAC eine HighRes Übertragung mit bis zu 990 Kbit/s. Damit sollten auch audiophile Musikfans glücklich zu machen sein.

Grau jedoch ist alle Theorie, jetzt wird es Zeit, den Mobius nicht nur anzuschauen, sondern endlich zu hören. Setzt man den Kopfhörer auf, saugt er sich förmlich am Kopf fest, es stellt sich irgendwie das Gefühl ein, dass Unterdruck auf den Ohren entsteht, so eng liegen die Polster am Kopf an. Und das, ohne unangenehmen oder sogar schmerzhaften Druck zu erzeugen. Gleiches gilt auch beim Tragen einer Brille.

Nach dem extrem langen Druck auf den Power-Button überrascht eine freundliche Computerstimme mit den Worten „Power on“. Okay, ich weiß jetzt also, dass der Mobius angeschaltet ist. Der zweimalige kurze Druck auf Power stellt problemlos eine Bluetooth Verbindung her. Wieder vermeldet die Dame im Ohr „Pairing“.
Und mit den ersten Tönen bei Musik bin ich doch mehr als überrascht! Das soll ein Gaming-Kopfhörer sein? Wie müssen dann erst die HiFi-Kopfhörer von Audeze klingen?

Gerade erst veröffentlicht, gönne ich mir Beloved von Mumford & Sons. Und der Song packt mich auf Anhieb mit aller Macht. Nicht nur, weil das neue Album Delta einfach nur großartig ist, sondern weil der Mobius dieses Stück so unerwartet kraftvoll und mit so wunderbaren Tieftönen an die Ohren transportiert. Ein guter Kopfhörer muss alles richtig machen, aber ich glaube, dass man anhand des Basses die Spreu vom Weizen trennen kann. Gerade bei diesem Song spielt der Mobius einfach groß auf. Und jetzt freue ich mich noch mehr auf das Live Konzert in Berlin im nächsten Jahr!

Ganz anders der nächste Song. Waren bei Mumford & Sons doch eher die melodischen, sanften Töne das tragende Element, sind es bei Midnight Train to Memphis von Chris Stapleton die beiden intensiven und dynamischen Gitarren und die kraftvolle Stimme des gleichnamigen Sängers, die diesen Song voranbringen. Klassischen und treibenden Südstaaten-Rock kann der Mobius also auch. Hier trennt der Kopfhörer ganz sauber die Instrumente und Stimme, alles lässt sich hervorragend orten und zuordnen.

Jetzt komme ich das erste Mal durcheinander. Verdammt, hat der Kopfhörer viele Knöpfe und Regler. Aber gut, man kann einen Test ja auch mit vor der Tastatur abgelegter Karte für die Belegung aller Bedienelemente schreiben. Der nächste Song der Playlist ist nicht meins, also suche ich die Taste für den Titelsprung. Nur ist die Taste keine Taste, sondern der Regler für die Lautstärke. Der will allerdings erst gedrückt und dann gedreht werden, um zum nächsten Titel zu gelangen. Hier ist anfangs etwas Übung vonnöten, um sich alle Möglichkeiten einzuprägen.

Stereo klingt wirklich richtig gut, aber Audeze wirbt vorrangig mit 3D. Daher wird jetzt doch mehr versuchsweise die entsprechende Taste gedrückt – wenn ich sie denn finde. Diesmal ist nicht der Daumen, sondern der Zeigfinger zuständig, der Button liegt sehr weit vorn an der Ohrmuschel. Der Klang wirkt jetzt mit simuliertem 3D räumlicher und kommt damit einem Live-Auftritt näher. Aber ich drehe mich auf meinem Drehstuhl, weil mein Hund seinen Kopf auf mein Bein legt. Und jetzt staune ich doch. Denn der Sound wandert im Kopfhörer. Kam der Klang bis eben noch vorne, kommt er jetzt von links. Headtracking kann doch immens verblüffen, wenn man dies bisher nur in der Theorie kannte, aber in der Praxis noch nicht erlebt hat. Egal wie ich den Kopf drehe, die Soundausgabe wandert – wie in einem Konzert bleibt die Bühne immer vorn.

Über Bluetooth stehen mit Druck auf den Mikrofon-Regler verschiedene Game-Modi wie Music, Racing oder RPG zur Verfügung. Von Mehrkanalton ist jedoch hier bisher nichts zu erkennen. Also will ich den Mobius nutzen, um eine Blu-ray mit möglichst brachialen Soundeffekten über die Playstation 4 zu schauen. Und wer wäre dafür besser geeignet, als der personifizierte Antiheld Deadpool?

Bereits die Startszene, bei der teure Autos kleinteilig auf der Autobahn zerlegt werden und Deadpool etliche Ganoven zur Strecke bringt, sorgt für ein gewaltiges Klangerlebnis im Mobius. Das 3D simuliert eine räumliche Kulisse im Kopfhörer, die man so noch nicht gehört hat. Autos kommen von hinten und überholen, Kugeln fliegen über Köpfe hinweg und das Motorrad fährt Slalom durch fahrende Autos, während der Sound im Mobius von linker Ohrmuschel zur rechten und wieder zurück wechselt – sehr eindrucksvoll!

Und weil die PS4 ohnehin gerade läuft, wird mal wieder eine Runde Gran Turismo gestartet. Wenn ein paar Autos bei Deadpool schon toll klingen bin ich gespannt, wie sich ganz viele Autos auf einer Rennstrecke anhören? Und wofür, wenn nicht für den VW Beetle Gruppe 3 Supersportler gibt man seine sauer im Spiel verdienten Credits aus? Also rauf auf die Piste und als erstes den Tokyo Raceway angeklickt. Der kurze Druck auf den Mikrofon-Button stellt den Modus Racing ein. Und bereits beim Start wird klar, was der Mobius leistet.

Da brüllt der Motor, man spürt förmlich das Überfahren der Bodenschwellen zwischen den Betonplatten und hört, wie man seinen Gegner überholt, wenn dessen Klang nachlässt. Der Tunnel ist ein akustisches Erlebnis, der Schall bricht sich an den Wänden und breitet sich schlagartig wieder aus, sobald man aus der Röhre ausfährt. Es sind jedoch immer die Kleinigkeiten, die einen guten Kopfhörer ausmachen und hier ist es das so unscheinbare Geräusch beim Unterfahren einer Brücke. Eine kurze Komprimierung des Schalls, das war es auch schon – aber genau das soll ein Gaming Kopfhörer für ein möglichst realistisches Fahrgefühl herausarbeiten.

Aber – und jetzt kommt das kleine Aber – so genial das Headtracking ist, beim Schauen auf einen einzigen Bildschirm ist es eine nette Zugabe, mehr nicht. Bei einem Rennen ist man frontal auf den Bildschirm konzentriert, man dreht den Kopf nicht. Damit ist dieses Feature tatsächlich nur sinnvoll, wenn man auch mehrere Monitore angeschlossen hat und das Gefühl von Breite entsteht.

Erst wenn man auch den Kopf drehen und sich nach links oder rechts umschauen kann, wird aus einem Gimmick auch ein Game Changer. Was in der Realität normal ist, nämlich mit den Augen einem Geräusch zu folgen, passiert an einem Bildschirm nicht. Hier schaut man immer nach vorn. Aber das ist Quengeln auf ganz hohem Niveau. Sinnvoll wird diese Funktion aber sicher bei einer VR-Brille. Wenn man den Kopf dreht, um mit den Augen dem Spielgeschehen zu folgen und der Sound folgt dann dem Blick, erst dann wird diese Funktion zu einem Must-Have. Da ich aber mit VR-Brille nach spätestens 10 Sekunden an Motion-Sickness leide, bleibe ich bei meinem Bildschirm.

Neckisch ist das Headtracking dennoch bei einigen Spielen. So sind die Dialoge in Tomb Raider das perfekte Beispiel, da sich die Figur trotzdem bewegen lässt. Solche Szenen sind im Gegensatz zu Assassins Creed keine echte Videosequenz. Dreht man nämlich während eines Gespräches Lara, so wandert der Klang im Mobius mit. Steht man mit dem Rücken zum Gesprächspartner, kommt der Klang von hinten. Gleiches gilt für Effekte wie Wasserfälle. Bewegt man Frau Croft, folgt akustisch auch das Tosen des herabstürzenden Wassers.

Auch wenn Sprachchats in Spielen für mich inzwischen so sinnvoll sind wie Cola Zero, weil man in Online-Sessions eben selten alle „Freunde“ in die Lobby bekommt und sich stattdessen zu häufig mit kreischenden Pubertieren auseinander setzen muss, so funktioniert das Mikrofon einwandfrei. Menschen am anderen Ende der Leitung verstehen mich problemlos und ohne Rauschen. Wer sich also während des Spiels auch noch unterhalten möchte, kann dies tun. Ich brauche es nicht. Ich genieße lieber den Klang des Spiels.

 

Fazit:

Kurz und knapp: Der Audeze Mobius ist der beste Gaming Kopfhörer, den ich jemals auf den Ohren hatte. Und das waren einige. Wobei ich mir hier immer noch nicht sicher bin, als was der nun eigentlich durchgeht. Ja, er ist als Gaming-Kopfhörer konzipiert, aber seine HiFi-Qualitäten sind für ein solches Modell überraschend stark. Wer einen Kopfhörer für Musik sucht und auch gerne spielt, wird mit dem Mobius die perfekte Wahl treffen. Wer zocken möchte, aber eben auch gerne gut Musik hört, greift ohnehin zum Mobius.

Wenn man etwas bemängeln möchte, ist es die erschlagende Vielfalt an Funktionen und deren Bedienung. Hier wird gedrückt, dort wird gedreht. Ich habe während des gesamten Tests mit der beigelegten Pappkarte gesessen und immer wieder nach der korrekten Funktion gesucht, um den Mobius seiner Entsprechung nach zu nutzen. Man gewöhnt sich daran, aber das dauert – zumindest bei mir.

Auch sind die momentan aufgerufenen 449,- Euro kein Schnäppchen für einen Gaming-Kopfhörer, aber sicher aufgrund der verbauten Technik und des immensen Funktionsumfangs gerechtfertigt.
Daher: Hören und selbst entscheiden!

 

Link zur Herstellerseite: Audeze Mobius

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