Tomb Raider – Reanimation einer Legende?

usk18Ich war schon immer SEGA-Fan. Daher stand es für mich außer Frage, 1996 das allererste Tomb Raider auch für den Saturn und nicht für die PS One zu kaufen. Lag aber vielleicht auch daran, dass die Sega-Version eher im Laden stand? Ich erinnere mich noch genau, wie mir der Mund offenstand, als Lara durch den Schnee stapfte, die hinterließ sogar Fußabdrücke! Ich wusste, hier Teil von etwas Neuem zu werden, mit Tomb Raider würden Videospiele einen gewaltigen Schritt voran machen.

Alle kommenden Bits und Bytes mussten sich ab sofort an diesem einen Spiel orientieren. Vorsichtig, fast schon ehrfürchtig bewegte ich Lara voran. Naja, so gut das mit dem klobigen Saturn-Pad eben ging. Zwischen gehen, laufen und einem uneleganten Hüpfer vorwärts in den Abgrund war es nur ein unbedachter Daumendruck.

tomb_raider_coverAber trotz der hakeligen Steuerung war es damals schon Lara Croft, die Superheldin, gegen die Indiana Jones ab sofort einfach nur noch traurig aussehen sollte. Ein Relikt aus vergangenen Zeiten. Sollte der alte Mann doch vor rollenden Felskugeln davonrennen, Lara sprang locker aus dem Stand darüber. Wilde Tiere? Während Indi ungeschickt auf einem dressierten Elefanten ritt, besiegte Lara praktisch im Vorbeilaufen prähistorische Dinosaurier. Und überhaupt die Bewegungen, die Animationen, die Rätsel, das Leveldesign. Auf der einen Seite ein angestaubter Archäologe im Khaki-Dress mit Peitsche, hier die trotz Eis und Schnee nur mit Shorts bekleidete Lara, bewaffnet mit zwei gewaltigen, auf Hochglanz polierten Wummen. Mit Lara drang man in Welten vor, die nie zuvor ein Indiana Jones auch nur erahnt hatte.

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Danach geschah das, was mit offenbar jedem kommerziellen Erfolg geschehen muss. Es folgten jährlich neue Teile des ehemals besten Action-Adventures aller Zeiten. Mit Angel of Darkness erlebte die Serie dann 2003 ihren endgültigen Tiefpunkt und Lara verschwand nach harscher Kritik aus allen Richtungen in den Geschichtsbüchern. Und da wäre sie auch heute noch, wenn die Serie nicht auf den Next-Gen-Konsolen mit Legend doch noch ein fulminantes Comeback gefeiert hätte. Kein Tomb Raider kam dem ersten Teil wieder so nahe. Da war es endlich wieder, das alte und schmerzlich vermisste Lara-Gefühl, an dem auch die damalige unglaubliche Grafikpower von XBOX 360 und Playstation 3 ihren Anteil hatten. Knapp zwei Jahre später folgte Underworld, dem aber der kommerzielle Erfolg versagt blieb. Spiele wie Hitman, Uncharted, Far Cry und Assassins Creed hatten Tomb Raider inzwischen den Rang abgelaufen. Eidos Interactive kündigte daraufhin an, dass Underworld nun der endgültig letzte Teil der Serie war, Lara wurde offiziell in Rente geschickt.

Konrad Adenauer hat einmal gesagt, „Was stört mich mein Geschwätz von gestern?“. So ähnlich muss man es Crystal Dynamics bei der Suche nach einer neuen Spielidee gehalten haben, als man im Keller auf eine in der Ecke vergessene Kiste mit alten Lara-Titeln aufmerksam wurde. George Lucas hat es mit Star Wars vorgemacht, warum also nicht auch zu Tomb Raider ein Prequel produzieren? So kündigte man im Dezember 2010 an, dass sich entgegen aller getätigten Aussagen ein neues Tomb Raider in der Entwicklung befindet. Studioleiter Darrell Gallagher sagte damals, „dass man alles, was man über Tomb Raider weiß, vergessen soll.“ Diese Aussage wurde später durch die überraschende Ankündigung unterstrichen, dass es sich beim neuen Spiel das erste Mal um einen USK 18 Titel handeln sollte.

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Nun ist sie angekommen, die „neue“ Lara. Der Mensch Lara Croft, nicht das unzerstörbare Überwesen aus den bisherigen Spielen. Die Verwandlung ist vollzogen, Lara wird erwachsen. Aber dieser Vorgang vollzieht sich in aller Stille. Irgendwann nach dem Finale werdet ihr feststellen, dass da jetzt eine andere Lara in den Sonnenuntergang schippert, nicht reitet. Es gibt nicht DEN einen Moment im Spiel, in dem Lara transformiert, in dem aus der Raupe der Schmetterling wird. Alles vollzieht sich in nahtlos ineinander übergehenden kleinen Schritten und Episoden. Das alles erinnerte mich entfernt an Batman. Ebenso wenig wie Bruce Wayne den strahlenden Helden in schillernder Rüstung verkörpert, so wenig heldenhaftes werdet ihr zu Beginn des Spiels an Lara finden. Denn nach dem Schiffbruch hat euch sofort die Action im Griff. Ihr habt keine Zeit zum Nachdenken. Erst Minuten später kommt ihr das erste Mal zur Ruhe und entdeckt nun eine vor Kälte zitternde Lara, der Schmerz, Angst und Unverständnis über das soeben Erlebte ins Gesicht geschrieben stehen und deren Körper von Verletzungen gezeichnet ist.

Das alles funktioniert nur, weil die Handlung es zulässt. Klassische Elemente wie die einsame Insel, ein irrer Kult und entführte Freunde gab es alles schon einmal. Aber hier wird es ein wenig geschickter miteinander verwoben, so dass Lara Zeit findet, ihren Charakter zu entwickeln. Und überhaupt die Geschichte. Ein steter Wechsel zwischen Action und Ruhe. Einerseits die wahnsinnigen Inselbewohner, die euch bei jeder Gelegenheit nach dem Leben trachten und andererseits das klassische, das so bekannte Tomb Raider. Klettern, springen, suchen und Rätsel lösen. Und das erste Mal, ohne eine Kiste zu schieben. In diesen Momenten ist sie wieder da, die alte Lara, die Forscherin, die Grabstätten plündert und scheinbar alles über noch so seltene Artefakte weiß. Jedes Mal perfekt inszeniert die Überraschung, wenn Lara ein Grab öffnet und das Erstaunen über den Fund nahezu greifbar wird.

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Die anderen Momente sind die, weshalb das Spiel diesmal mit dem roten USK 18 Sticker versehen ist. Die, in denen ihr von einer Übermacht von Gegnern in die Enge getrieben werdet und in denen es ums nackte Überleben geht. Du oder ich, alles ist erlaubt. Emotional die Szene, in der Lara mit ihrer Kletteraxt einen Gegner regelrecht hinrichtet und ihn lautstark als Hurensohn beschimpft. Angst, Hass und Wut werden so real transportiert, wie das sonst nur ein Film schafft. Und selbst die Momente, in denen Lara verliert, sind so vollkommen anders, als man das aus allen Teilen davor kennt. Da wird in die Tiefe gestürzt, Explosionen und Brandbomben zerfetzen und Macheten oder Pfeile bringen tödliche Verletzungen bei. Obendrein wird Lara von einem unter der Wasseroberfläche verborgenen Stab durchbohrt, von Felsen zerquetscht oder im finalen Abschnitt von einer Tempelwache als Trophäe auf einen Langspeer gespießt. Es ist anders als vorher, als Lara einfach nur ein digitales Leben verlor. Hier erlebt man das Ende hautnah.

Trotz der Action gibt euch das Spiel immer wieder Zeit, die Insel und die Architektur zu bewundern. Verschneite Berge, tiefer Dschungel, schmale Bergpässe, verfallene Bunkeranlagen, ein Schiffswrack, aufgehangen in den Bergen. Ein ums andere Mal geht es nur darum, innezuhalten und die Ideen der Spieldesigner zu genießen. Höhenangst löste der Moment aus, als Lara auf den Funkmast, den höchsten Punkt der Insel kletterte, um dort einen Notruf zu senden. Aber nicht nur solche Momente sind Oscarreif in Szene gesetzt. Explodierende Tempelanlagen, zerberstende Wellblechbaracken, vom Wind gepeitschte Gebäude, in denen Lara schützend die Hände vor das Gesicht hält und der Moment, in dem die nahende Rettung doch scheitert und es scheinbar keine Hoffnung mehr gibt. Alles wird von der perfekt integrierten Kamera eingefangen und von auf den Punkt genau passenden Soundeffekten unterstützt. Noch nie war eine deutsche Synchronisation so gut, Nora Tschirner sei es gedankt.

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Selbstverständlich darf auch gesammelt und aufgerüstet werden. Bergungsgut hilft, Waffen zu verbessern, getötete Kultanhänger und Kisten bringen Erfahrungspunkte, die Laras Fähigkeiten kontinuierlich verbessern. Auch wenn Lara eine Pistole, ein Gewehr und die Schrotflinte Stück für Stück verbessert, so wird doch der Bogen bis zum Ende die ultimative Waffe bleiben. Lautlos bei Angriffen aus dem Hinterhalt und größtmöglichen Schaden verursachend, wenn Napalmspitzen Benzinfässer zur Explosion bringen. Langes Überleben sichern die Nahkampffähigkeiten. Der Ausweich-Kill wird im Laufe des Spiels immer wichtiger, da Gegner immer stärker werden und frontal angreifen. Jeder Abschnitt bietet obendrein Herausforderungen, die allesamt leichter zu lösen sind, wenn die Schatzkarte gefunden ist. Hier sind alle Geocaches und Artefakte vermerkt. Zusätzlich können Sonderaufgaben wie das Zerstören von Alarmanlagen oder das Verbrennen von Wandbildern gelöst werden. Alles bringt euch Stück für Stück voran.

Fazit:

Tomb Raider reloaded! Kein Titel mit der Heldin Lara Croft war jemals so intensiv und emotional wie dieser. Aber seit dem ersten Teil schieden sich ohnehin die Geister. Dem einen war es zu rätsellastig, dem anderen wurde zu viel Action geboten. Und trotzdem liegt Darrell Gallagher falsch. Es ist noch immer Tomb Raider. Denn gerade das Wissen um die alten Spiele macht das neue Tomb Raider zum besten Teil seit dem Start der Serie 1996, auch wenn die Rätsel Spieleveteranen zu lasch sein dürften. Betrachtet man das Spiel anhand der Charakterentwicklung, der faszinierenden Grafik und den immer stimmigen Sounds, bietet dieser Titel alles, was man sich als Fan wünschen darf. Man darf jetzt nur gespannt sein, ob und wenn ja, wie die Serie fortgesetzt wird. Denn Lara ist erwachsen geworden.

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