Alan Wake

Wer erinnert sich eigentlich noch den Überraschungs-Kinohit von 1998 „The Blair Witch Project“, in dem sich vier Studenten beim Drehen einer Dokumentation über eine Hexe verirren? Die ständige Flucht vor dem Unbekannten, die Dunkelheit, nur vom Strahl einer Taschenlampe durchschnitten, lässt die Vermutung zu, Remedy hat sich bei der Produktion von Alan Wake auch von Blair Witch und nicht nur Twin Peaks inspirieren lassen.

Der unter einer Schreibblockade leidende Schriftsteller Alan Wake macht sich mit seiner Frau auf den Weg in die Einsamkeit und Idylle der amerikanischen Kleinstadt Bright Falls. Hier hofft er, den Kopf frei zu bekommen und Ideen für einen neuen Roman zu sammeln. Aber schon die erste Begegnung mit den Einheimischen bei der Schlüsselübergabe für das gemietete Haus lässt erahnen, dass die malerische Kulisse inmitten der Berge trügt. Nach einem Streit mit seiner Frau verlässt Alan das Haus und prompt wird seine Frau entführt. Und nun beginnt für den Spieler eines der spannendsten, mysteriösesten und optisch aufwändigsten Spiele der letzten Jahre und ich beginne zu schwärmen.

Denn was Remedy hier abliefert, ist kaum in Worte zu fassen. Man muss Alan Wake erleben, in das Spiel eintauchen, um die Liebe zu jedem noch so winzigen Detail wirklich erahnen zu können.Kein Baum, kein Fahrzeug und kein Gebäude scheinen doppelt im Spiel zu existieren. Jeder Stein liegt und jeder Baum steht an dem Ort, an den er gehört und an dem man ihn auch in der freien Natur vermuten würde. Jede Hütte und jeder Weg sind einmalig und wäre da nicht die finstere Handlung, würde man anhand der gezeigten Bilder und Szenen seinen nächsten Urlaub in den Rockies planen.

Jeder Bewohner von Bright Falls lebt und jede noch so nichtige Nebenrolle ist nahezu perfekt in das große Ganze eingebunden. Die Dunkelheit wirkt fast schon greifbar beklemmend und sorgt so mit der entsprechenden musikalischen Untermalung für eine durchgängige Gänsehaut. Alan Wake baut nämlich nicht auf kurze Schockmomente wie Resident Evil, sondern hält dieses Gefühl der inneren Anspannung und des Unwohlseins das gesamte Spiel über aufrecht. Die wenigen Sonnenaufgänge werden dann auch regelrecht herbeigesehnt und man weiß, dass man eine weitere Nacht in Bright Falls überlebt hat. Das gesamte Spiel ist in sechs fernsehreife Episoden unterteilt, von der jede für sich einmalig ist und die mit ihrem Ende Lust auf die nächste macht..

Aber eigentlich ist hier nur von einem zugegebenermaßen perfekt inszenierten Videospiel die Rede. Das schönste Ambiente nützt nichts, wenn die Spielfigur nicht passt, die Steuerung unausgereift wirkt oder die Handlung den großen Erwartungen nicht gerecht wird. Aber auch hier punktet Alan Wake in fast allen Belangen. Neben einer glaubwürdigen Handlung, sofern man bei einer Horror-Geschichte davon sprechen kann, lebt ein Spiel von seinem Hauptdarsteller und einer durchdachten Steuerung. Und diese Steuerung ist mit einer einzigen Ausnahme sehr gut gelungen. Wichtigstes Werkzeug ist die Taschenlampe. Diese dient nicht nur dem Ausleuchten dunkler Pfade, wobei herrliche Licht- und Schatteneffekte produziert werden, sondern auch dem Auslöschen dunkler Gestalten. Wird Alan nämlich von den sogenannten Besessenen angegriffen, gilt es zuerst, ihnen mit dem Licht die Dunkelheit auszutreiben, um sie dann mit einigen Schüssen aus einer der wenigen Waffen endgültig ins virtuelle Nirwana zu überführen.

Alan Wake wird dabei mit beiden Sticks gesteuert, wobei der linke die Taschenlampe und der rechte die Waffe bewegt. Dies geht nach einigen Minuten Spielzeit aber so flüssig von der Hand, dass auch das Nachladen der Taschenlampe mit neuen Batterien, sowie der Waffe mit neuer Munition keinerlei Probleme mehr bereitet. Je nach Schwierigkeitsgrad ist dieser Nachschub mehr oder weniger häufig zu finden. Neben einem kleinen Revolver mit sechs Schüssen, kann Alan auch ein Jagdgewehr, eine Schrotflinte und eine Pistole für Leuchtspurmunition finden. Damit ist das Waffenarsenal erschöpft und mehr wäre in einem Dorf, welches vom Holzabbau lebt, auch nicht glaubwürdig. Leider werden aber weder Waffen noch Munition mit in die nächste Episode übernommen, so dass ihr beim Start immer von vorn beginnt und alles neu einsammeln müsst.

Da sich die Besessenen vom Licht abschrecken lassen, kommt gerade der Leuchtspurmunition eine besondere Bedeutung zu, denn einen Treffer damit vertragen eure Gegner nicht, während sie mit dem Revolver noch zwischen vier und sechs Treffer einstecken können. Weitere wichtige Hilfsmittel sind Leuchtfackeln und Blendgranaten. Ihr werdet die Leuchtfackeln in dem Moment zu schätzen lernen, in dem ihr eurer letzten Munition beraubt versucht, euren Widersachern durch Flucht zu entkommen. Kämpfe werden euch meist durch die ansteigende Spannungskurve der Hintergrundmusik und nebelartige Schlieren auf eurem Weg durch den Wald angekündigt. Dabei steigt der Adrenalinpegel in ungeahnte Höhen, obwohl ihr wisst, dass ein Ereignis bevorsteht. In vielen Fällen werden dann anhand einer kleinen Videosequenz Gegner eingeblendet und ihr bereitet euch auf den Kampf vor.
Und hier komme ich eigentlich zu meinem einzigen Kritikpunkt bei Alan Wake. Denn oftmals werdet ihr von mehreren Gegnern aus verschiedenen Richtungen gleichzeitig attackiert. Bei den Gegnern handelt es sich in den meisten Fällen zwar nur um mit einer Axt bewaffnete Holzfäller, aber die können ihre Äxte auch werfen. So werden ab und an Treffer gelandet, ohne dass ihr die Chance hättet, den Absender der geworfenen Axt zu sehen und dieser in einer tollen Animation auszuweichen. Auch kann es im Eifer des Gefechts leider passieren, dass ihr beim Rückwärtslaufen und gleichzeitigen Schießen die Übersicht verliert und daraufhin an einem Baum oder Felsen einfach festhängt. Der Spaß hat dann nach wenigen Axthieben ein Ende und ihr startet vom letzten Kontrollpunkt. Aber diese Stellen sind glücklicherweise sehr rar gesät und der Frust hält sich in sehr engen Grenzen.

Alan Wake führt euch konsequent linear von einem Punkt zum nächsten, auch wenn ihr gelegentlich abseits der Wege auch ein wenig suchen könnt. Vom ehemals angekündigten Open-World-Spiel ist somit wenig bis gar nichts übrig geblieben, aber das ist hier ganz locker zu verschmerzen, da es aufgrund der sensationellen Grafik auch so noch genug zu entdecken und bestaunen gibt. [Alan Wake] Schluchten müssen überquert werden Und mir ist ein lineares Spiel mit Grafik und Handlung ohnehin lieber, als ein offenes Spiel, bei dem ich nicht weiß, an welcher Stelle es nun vorangeht. Außerdem entdeckt ihr hierbei mit eurer Taschenlampe gelegentlich versteckte Zeichen, die euch einen verborgenen Pfad zu einer besonderen Kiste oder Waffe aufzeigen.

Besticht Alan Wake bis hierhin durch eine perfekte Grafik und seinen spannenden Handlungsbogen, so habe ich selten ein Spiel erlebt, in dem Musik so überragend komponiert ist und Soundeffekte eine so große Rolle spielen. Neben den typischen Waldgeräuschen hört ihr in der Ferne wilde Flüsse durch Schluchten rauschen, Blätter an den Bäumen rascheln im Wind und Soundeffekte wie Hilferufe sind so perfekt eingesetzt, dass ihr sofort wisst, in welcher Richtung sich gerade etwas abspielt. Weiterhin kommentiert Alan die Ereignisse am Bildschirm während der gesamten Spielzeit. Auch wenn manche Dialoge etwas monoton wirken, wurde zum Beispiel die Rolle des Dr. Hartman mit Christian Brückner besetzt, der deutschen Synchronstimme von Robert Redford, Dennis Hopper und Robert de Niro.
Alles in allem dauert das Spiel auf dem normalen Schwierigkeitsgrad ca.12 Stunden. Und diese Spielzeit verbringt ihr durchweg allein, es gibt keinen wie auch immer gearteten Online-Modus. Und auch alternative Enden wie zum Beispiel in Heavy Rain sucht man vergebens, ist das Spiel durchgespielt, ist endgültig Feierabend. Insoweit verhält sich Alan Wake wie ein gutes Buch. Wer weitere Erfolge erspielen will, versucht sich an zwei weiteren Schwierigkeitsgraden oder wählt alle Level beliebig an.

Fazit:
Alan Wake ist das virtuelle Konsolen-Ereignis des bisherigen Jahres. Ja, die Entwicklung hat auch lang genug gedauert und man darf ein solches Spiel dann auch erwarten, aber was hier letztendlich unter dem Strich herumkommt, ist schon ein Stück Software-Geschichte. Eine verwirrende Handlung, die einem King und Koontz zur Ehre gereichen, eine selten dunkle und gruselige Umgebung, eine durchweg starke deutsche Synchronisation und eine fast fehlerfreie Präsentation – Herz, was willst du mehr?

Ja, man hätte ein alternatives Ende produzieren können, einige wenige Animationen hätten ausgereifter wirken dürfen, mehr unterschiedliche Gegner wären schön gewesen und zusammen auf Besessenen-Jagd wäre toll … ist aber nicht und ich quengele auf ungeahnt hohem Niveau. Alan Wake ist ein Pflichtkauf und man darf gespannt sein, wie eine eigentlich abgeschlossene Geschichte mit DLC und einem weiteren Teil fortgeführt wird. Ich warte schon jetzt auf den Juni, in dem der erste Download zum Spiel erhältlich sein soll.

 

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