Sonic Generations

Ich halte Sonic Generations in meinen Händen und stelle fest, dass ich alt werde und inzwischen so etwas wie ein Videospiel-Dinosaurier bin. 20 Jahre ist es nun tatsächlich schon her, seit ich den blauen Igel auf meinem Mega Drive kennen und lieben gelernt habe. Wochenlang habe ich Sonic gespielt.

Für mich, weil ich das Spiel für eines der besten Spiele aller Zeiten hielt und noch immer halte und für meine Stiefmutter, weil sie diesen Igel ebenfalls so liebte, aber krankheitsbedingt das Pad nicht mehr halten konnte. So habe ich Sonic so viele Sonntag Abende stellvertretend für sie durch die Green Hill Zone, Marble Zone, Spring Yard Zone und alle anderen gescheucht, bis ich nicht einmal mehr auf den Bildschirm schauen musste. Nun feiert Sega mit Generations den 20. Geburtstag des blauen Maskottchens.

Aber wie beginnt man einen Bericht, einen Test zu einem Spiel, dessen Protagonist sich in der heutigen Zeit schon praktisch selbst überlebt hat? In einer Zeit, in der jedes Jahr ein neues iPhone und iPad auf den Markt kommen und den erst 12 Monate alten Vorgänger damit zu Altmetall und Elektroschrott mutieren lassen. Was macht den Reiz aus, erneut ein Jump`n`Run im größtmöglichen Tempo zu lösen, da ein neues Sonic-Spiel eigentlich so ist, wie jedes andere davor auch schon war? Wie beschreibt man ein Spiel, welches “nur” einen Remix alter Level im neuen Gewand bietet, das aber trotzdem alles bringt, was Fans erwarten, die in den letzten Jahren von stetig sinkender Qualität der Serie enttäuscht waren? Sonic ist und bleibt ein Phänomen, ähnlich dem schnauzbärtigen, dickbäuchigen, Latzhosen bekleideten Klempner Mario. Man kann den Reiz nicht erklären, von daher sollte man es auch gar nicht erst versuchen. In den 20 Jahren seiner Videospiel-Existenz sind alle Superlative, die man für die Beschreibung des Igels und seiner Spiele verwenden konnte, mindestens einmal gebraucht worden. Von daher wird es jetzt schwierig, Sonic Generations zu beschreiben, das einerseits zurück zu seinen 2D-Wurzeln kehrt und andererseits Spieler wie mich, die dem 3D so gar nichts abgewinnen konnten, trotzdem an den Monitor fesselt.

Die Handlung ist der von Mario nicht unähnlich, da sie wie immer an den Haaren herbei gezogen ist und nichts zur Sache tut. Diesmal stört ein schwarzes Monster die Sonic Geburtstagsparty und alle Freunde werden in verschiedene Zeiten und somit in verschiedene Level teleportiert. Ihr findet euch kurz darauf in einer weißen Welt wieder, jede Farbe wurde aus dem Spiel gezogen. Um eure Freunde wie Tails, Knuckles, Amy, Cream und etliche andere zu befreien, müsst ihr nun abwechselnd mit dem Ur-Sonic und dem (ich hasse diesen Begriff in Verbindung mit dem Igel) “modernen” Sonic jede Welt jeweils einmal spielen.  Mit der klassischen Igel-Variante spielt ihr 2D, die moderne Version spielt ihr in 3D Leveln. Und genau vor diesem 3D hatte ich Manschetten, denn bisher konnte ich diesen Hochgeschwindigkeits-Reaktionstests nichts abgewinnen. Ich schreibe bewusst bisher, denn Sonic Generations macht alles besser und anders, als das die bekannten, reinen 3D-Spiele bis dato vermochten.

Da kommt nun dieser Mix aus allen Ebenen daher, 2D, 3D und irgendwas dazwischen und es funktioniert. Sonic hat seine Stärken seit Mega Drive Zeiten seit je her nur in zwei Dimensionen gehabt, nämlich dann, wenn er von links nach rechts rennen und springen musste. Schwierig wurde es, wenn er statt von links nach rechts auch von vorne nach hinten oder umgekehrt oder sogar schräg in die Tiefen des Bildschirms sollte. Zu schnell, zu unübersichtlich, zu chaotisch. Das war auch der Grund, warum ich bis zu Sonic Colours lieber einen Bogen um Sonic in 3D geschlagen habe. Aber auch hier wieder die gleiche Aussage: Es funktioniert! Denn was bei einem Mario selbstverständlich ist, bekommen die Sega Programmierer auch wieder bei Sonic hin. Simple zwei Tasten genügen, jeweils eine für Boost und Sprung und ab geht die wilde Fahrt durch die besten Sonic-Level der vergangenen 20 Jahre. Die Kunst ist einzig, zu wissen, wann man wohin springen muss, um das Tempo zu behalten und nicht gegen ein Hinderniss, diverse Gegner oder eine Stachelfalle zu schmettern.

Ist 2D schon Hochgeschwindigkeitsaction, sind die 3D-Level schon fast an der Grenze des für mich Machbaren und Erträglichen. Was hier stellenweise vorgelegt wird, müssen Kampfpiloten im Tiefflug auch erleben, stellenweise setzt eine Art Tunnelblick ein, wenn Sonic mit dem Boost auf gefühlte Mach3 beschleunigt wird. Irgendwie reisst es mir die Wangen Richtung Ohrläppchen und zum alles umfassenden Videospielglück fehlt eigentlich nur noch Fahrtwind aus dem Bildschirm, um den Rausch der Geschwindigkeit zu vervollständigen.

Löst ihr die drei Level, eigentlich sind es mit beiden Sonics ja sechs Level pro Akt, schalten sich Herausforderungen frei, die ebenfalls gelöst werden sollen und wollen. In diesen Herausforderungen stehen euch eure befreiten Freunde zur Verfügung, die euch mit besonderen Fähigkeiten unterstützen. Tails dient als Hubschrauber, um Passagen zu meistern, die ihr per Sprung nicht erreicht, ebenso Amy, die euch per Hammerschlag in ungeahnte Höhen befördert. Knuckles ist da etwas gelassener, er gräbt nach Goldmünzen, von denen ihr eine Anzahl erreichen müsst, um den Level zu beenden. Insgesamt erwarten euch zehn Herausforderungen mit verschiedenen Spielinhalten pro gespieltem Level, von denen ihr aber nur eine lösen müsst, um einen Schlüssel zu erhalten. Sammelt ihr drei Schlüssel, öffnet sich die Pforte zum Bossgegner. Ist der besiegt, erhaltet ihr einen Chaos-Emerald und es geht in den nächsten Akt. Weitere Emeralds erhaltet ihr, wenn ihr in einem weiteren Level gegen einen von Sonic Erzfeinden antretet und diesen besiegt. Hat man begriffen, wie das geht, ist der Diamant schnell gesammelt. Stellt man sich an wie ich, rennt man mit Shadow fast dreißig Minuten im Kreis, ohne zu kapieren, worum es eigentlich geht.

Ähnlich wie beim Mountain-Biking gilt auch für Sonic: Der Flow ist alles. Ihr spielt die Level anfangs, um sie zu lernen. Aber spätestens ab dem zweiten oder dritten Durchspielen geht es euch darum, den Level fehlerfrei und im höchstmöglichen Tempo zu absolvieren. Wann ist der Turbo einzulegen, wann kommt ein Sprung, wann muss ich einen Gegner benutzen, um eine höhere Ebene zu erreichen? Habt ihr das drauf, entfaltet Sonic noch einmal ein Spielspaßpotential, wie es nur wenigen Spielen gegeben ist. Denn jeder Level wird mit Bestzeiten und damit mit Punkten belohnt, die ihr in besondere Fähigkeiten investieren dürft. Da verschwinden die Ringe erst nach zehn Sekunden, oder Sonic bremst sofort. Hier stellt sich jeder Spieler seine Fähigkeiten so zusammmen, wie er sie gerne hätte. Und nebenbei dürft ihr euch mit 7.777 Punkten einen Mega Drive Controller kaufen, der euch innerhalb von Sonic Generations das Original spielen lässt. Ein nettes Gimmick!

Technisch gibt es nichts zu quengeln. Habe ich anderswo gelesen, dass das Spiel nur mit 30 fps läuft und damit gelegentlich ruckelt, habe ich davon nichts bemerkt. Die Grafik ist einfach nur klasse. Spielerisch setzt Generations bestimmt keine neuen Maßstäbe, aber das soll es auch nicht. Es soll die Welt des Igels ins Jahr 2011 transportieren und das gelingt einwandfrei. Mein persönlich einziger Kritikpunkt sind die mir doch zu kindlichen Stimmen der Protagonisten in den Videosequenzen. Aber das ist Geschmackssache, weil diese Videos nichts zur Handlung beitragen.

Fazit:

Sonic Generations macht für mich als Sonic-Fan der allerersten Stunde alles richtig. Alte Level, neu designt und angepasst an die Möglichkeiten der aktuellen Konsolen-Generation fesseln mich für Stunden an den Bildschirm. Dazu kommen bekannte Songs, die einfach nur zum Mitsummen und-singen animieren. Wer Sonic nur durchspielt, ist allerdings in ca. 6 Stunden durch, aber das ist auch nicht Sinn der Übung. Kommen alle Herausforderungen dazu, wollt ihr in allen Leveln Rang S erreichen und geht ihr auf Achievments- oder Trophy-Jagd, seid ihr, je nach Können, mindestens 15 Stunden und mehr beschäftigt.

Um es kurz zu machen: Sonic Generations ist das Sonic Spiel, auf das ich jahrelang nach den Mega Drive Versionen gewartet habe.

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