Racedriver Grid

Nachdem Codemasters den Videospieler mit einer sensationellen Racedriver Grid Demo auf dem XBOX-Live-Marktplatz angefüttert hat, war ich auf die Vollversion mehr als gespannt. Die Demo bot schon einiges an Umfang und ließ erahnen, was an grafischen Finessen und spielerischen Feinheiten auf den Spieler zukommt. Kurz: Die Vorfreude war groß! Ärgerlich nur, wenn das Endprodukt die hohen Erwartungen nicht erfüllen kann.

Rennspiele aller Art sind seit jeher meine ganz große Leidenschaft bei den Videospielen. Angefangen bei Hang On und Out Run auf dem Master System, über Mario Kart und F-Zero auf dem SNES, Daytona USA und Sega Rally auf dem Saturn, Wipe Out und Destruction Derby auf der PS1und ungezählten anderen Titeln fast aller Konsolen und Jahrgänge habe ich alles gespielt, was irgendwie mit Geschwindigkeit und Rennspiel zu tun hat. Von daher war ich auf Racedriver Grid mehr als gespannt. Obwohl Codemasters auf die DTM-Lizenz verzichtet, werden unzählige originale Fahrzeuge und Strecken geboten, beste Voraussetzungen also für ein klasse Spiel. Und das Codemasters weiß, wie man ein gutes Spiel programmiert haben sie ja erst wieder im letzten Jahr mit Colin McRae Dirt bewiesen.

Zum Spiel: Nach dem Einlegen der DVD erwartet den Spieler nach kurzer Ladezeit die EInführung. Man startet als Rookie in einem unbekannten Rennstall und versucht sich seine Sporen zu verdienen. In der Garage steht ein abgewrackter Ford Mustang. Leider fehlt den Mechanikern das nötige Kleingeld, um die Karre flott zu machen. Man verdingt sich also ab diesem Moment als fahrerischer Newcomer bei anderen Teams, um an das dringend benötigte Kleingeld für den Aufbau des Mustangs zu kommen. Ist dies geschafft, wird das Auto fertiggestellt und der eigene Rennstall eröffnet. Ist ein Name gefunden und das Auto den eigenen Ansprüchen entsprechend lackiert, beginnt das große Geldverdienen. In drei Klassen und in drei Regionen unterteilt, darf man nun die verschiedensten Rennen fahren und macht sich ganz nebenbei mit Siegen einen Namen. Je besser der Ruf, desto besser die Sponsoren-Angebote. Die erste Überraschung erwartet den Spieler zum Abschluß der Saison: Die 24 Stunden von Le Mans, die hier 24 Minuten dauern, dürfen auf dem Original-Kurs gefahren werden. Nach Gran Turismo endlich mal wieder einer meiner Lieblingskurse in einem Rennspiel!!!

Bis hierhin macht das Spiel in Aufmachung und Präsentation einen perfekten Eindruck. Aber wie im Fußball die Wahrheit auf dem Platz liegt, liegt sie in einem Rennspiel auf der Strasse. Und hier hat Codemasters für mich leider das Ziel verfehlt. Das Spiel hat für mich persönlich die beste Soundkulisse aller Zeiten, man kann aus verschiedenen Perpektiven wählen, die Grafik ist bombastisch und bis zu 18 Fahrzeuge tummeln sich ruckelfrei in einem Rennen. Nebenbei gibt es ein sensationelles Schadensmodell, bei dem die Teile nur so durch die Gegend fliegen. Aber dies alles ist schmückendes Beiwerk, wenn für die Computer-KI 13jährige pubertierende Rambos Modell gestanden haben.

Die Rennen laufen immer nach dem gleichen Muster ab: Das Rennen startet, der Pulk erreicht die erste Kurve und spätestens ab hier sollte eine gute KI einsetzen. Leider beschränkt sich diese aber auf das pure Gasgeben, die Bremse wurde scheinbar schlichtweg vergessen. Man bemüht sich, fehlerfrei durch die ersten Kurven zu kommen, um sich sauber einen der vorderen Plätze zu erfahren, wird aber in 8 von 10 Fällen von einem Computer-Fahrer von der Piste gestossen. Das passiert auf der Ideal-Linie, daneben, ob man bremst oder am Gashahn hängt, es spielt einfach keine Rolle: Irgendein Computer-Fahrer knallt einem immer in das eigene Fahrzeug. Man ist also gezwungen, diesen programmiertechnischen Schwachsinn mitzumachen und ungebremst in den Vordermann zu rauschen, um das Rennende zu erleben.

Anscheinend haben aber die Programmierer ihren Fehler bemerkt, hatten aber irgendwie keine Zeit mehr, die KI anzupassen. Was tun, wenn das Produkt aber auf den Markt soll? Man lässt sich einen Kniff einfallen, den man dem Spieler als Innovation verkauft. Racedriver Grid bietet nämlich eine Funktion, in der man per Knopfdruck die letzten 5 Sekunden vergessen machen kann. In der Praxis sieht das so aus: Der Spieler macht einen Fahrfehler oder wird von der Piste geschubst, die Wiederholung wird aktiviert und siehe da, man steht dort auf der Piste, wo man vor 5 Sekunden und dem Crash eben war. An sich eine tolle Sache, die aber auch nicht durchdacht ist. Das beste Beispiel dazu habe ich in Le Mans erlebt: Vor der Zielgeraden gibt es eine knifflige Doppelschikane, die mit Hindernissen (Styroporballen o.ä.) verschärft wurde, damit niemand über den Rand abkürzen kann. An 2. Stelle liegend folge ich dem Führenden in ca. 30 Metern Abstand durch diese Schikane, die dieser aber leider verpasst und frontal in die Hindernisse knallt. Teile davon treffen meinen Wagen und ich scheide unverschuldet mit Totalschaden aus. Aber hey, kein Problem, man hat ja die Wiederholung zur Verfügung. Also diese aktiviert, um den Trümmerteilen durch vorzeitiges Bremsen zu entgehen. An sich eine gute Idee, aber welche Trümmerteile? Nach Aktivierung der Wiederholung kommt nämlich jetzt auch der Computer-Fahrer sauber durch die Schikane und sein Fahrzeug bekommt sogar Flügel. Habe ich den in der Runde zuvor auf den langen Geraden abgehängt, ist sein Fahrzeug erstaunlicherweise nun schneller als meines und damit unerreichbar bis zur Zielflagge. Bitte Codemasters, was soll das denn???

Einer der freizuschaltenden Erfolge bei Racedriver Grid lautet: „Höflicher Fahrer – Gewinne ein Rennen, ohne ein anderes Fahrzeug zu berühren“. Selten so gelacht, wenn ich von denen geschubst, gedrängelt und gerammt werde. Das Spiel hat eigentlich einen vollkommen falschen Ansatz, der auch im Multiplayer über XBOX-Live deutlich wird: Dies ist kein Rennspiel, sondern der legitime Nachfolger des sensationellen Crash-Titels Destruction Derby auf der PS 1. Noch nie habe ich so viele echte Trolle und Mutanten live bei einem Spiel erlebt. Einige Spieler finden das Schadensmodell scheinbar so gut gelungen, dass sie einfach mal auf der Strecke wenden, um andere frontal zu rammen.

Meine Frustations- und Toleranzgrenze ist bei diesem Spiel leider auf das Übelste strapaziert. Schade, denn Racedriver Grid hätte das beste Rennspiel aller Zeiten werden können …

 

Update 01.11.2008:

… und ab und an überwindet man seinen eigenen Frust und der eigene Ehrgeiz gewinnt die Überhand. Ich habe das Spiel endlich durch und auch die für mich scheinbar unerreichbaren Erfolge „höflicher Fahrer“ und „50facher Drift“ sind tatsächlich geschafft. Es gibt Erfolge, für die hat man hart gearbeitet und noch mehr geflucht, bis endlich das ersehnte „Erfolg freigeschaltet“ auf dem Bildschirm erscheint … der 50fache Drift ist einer dieser Erfolge! Kam ich im Spiel selbst nicht über 5-6 kombinierte Drifts hinaus, gibt es am Hafen eine Stelle, an der dies endlos möglich ist und aus dem benötigten 50fachen Drift wurde mit viel Mühe ein 73facher Drift mit über 126.000.000 Punkten 🙂

 

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