gamescom 2013 – der Versuch einer Nachlese

Die Messe Köln gab bereits kurz nach Beendigung der gamescom 2013 ihre Zahlen bekannt. Und wie gewohnt klingen diese utopisch. Waren es im letzten Jahr noch 275.000 Besucher, so steigerte man diese Zahl um unglaubliche 23% auf jetzt 340.000, davon allein 29.600 Fachbesucher und 6.000 Medienvertreter. Mit 635 Ausstellern war die Messe damit auf 140.000 qm restlos ausgebucht.

Soweit die Theorie. Winston Churchill wird das Zitat zugeschrieben, „Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast.“ Nun sind diese Zahlen vielleicht nicht gefälscht, aber doch zumindest an der Stelle der Fachbesucher nach oben geschönt. Denn allein 29.600 Fachbesucher sind eine Zahl, die man sicherlich hinterfragen darf. Wikipedia definiert als Fachbesucher solche Personen, „die als potentielle Kundschaft der teilnehmenden Aussteller für den Veranstalter von besonderer Bedeutung sind.“ Und diese besondere Bedeutung ist bei fast 30.000 Fachbesuchern doch mehr als fragwürdig.

schnohne
Boris Schneider-Johne
Foto: M. Arm

Die Voraussetzungen für den Erwerb einer Eintrittskarte zum Fachbesuchertag der gamescom sind schwammig gehalten: „Die Branchenzugehörigkeit der Fachbesucher muss beim Eintrittskartenkauf im Ticket-Shop oder vor Ort in Köln z.B. mit ihrem Händlernachweis, Gewerbeschein etc. nachgewiesen werden.“ Gerade dieses etc. lässt zu viel Spielraum. Nachdem ich mehrere Jahre als Fachbesucher mit fachlichem Hintergrund vor Ort war und auch in Ruhe Gespräche mit Entwicklern außerhalb des Businesscenters fernab von Terminzwängen führen konnte, beschwerte ich mich bereits 2011 über das aufgeweichte Verfahren zum Fachbesuchertag. Denn dort war sogar eine Visitenkarte ausreichend, um als Fachbesucher anerkannt zu werden. Man gelobte Besserung in Form einer strengeren Prüfung, verändert wurde jedoch nichts. Noch immer wird so gut wie jeder Spieler im Besitz einer eigenen Domain, die sich mit Games beschäftigt, als Fachbesucher anerkannt. Erfolg und Steigerungsraten um jeden Preis. Und nun verteilt die Messe sogar Wildcards …

Interessant zum Thema Fachbesuchertag sind die Tweets der ehemaligen Xbox-Ikone Boris Schneider-Johne:

  • Ein Blick in die Hallen bestätigt meinen Verdacht. Der Fachbesuchertag ist eine Illusion. Vielen Dank, @gamescomcologne
  • Mittwoch ist der neue Samstag!
  • Und sie lassen jedermann ins Business Center, ohne Kontrolle? Kaum ist man 2 Jahre nicht hier… @gamescomcologne
  • Hätte nie geglaubt, daß ich mich am Fachbesuchertag für eine Stunde ins Hotel zurückziehe, weil es zu fucking voll auf der Messe ist.
Schlange bei Destiny am Fachbesuchertag - Foto: M. Arm
Unglaublich: Eine lange Schlange bei Destiny am Fachbesuchertag – Foto: M. Arm

Nun sollte die Messe das große Ballyhoo der beiden neuen Platzhirsche Playstation 4 und Xbox One werden. Doch die Wirklichkeit war eher ernüchternd. Was MS auf der E3 kann, können wir auf der gamescom schon lange, muss man sich bei Sony gedacht haben und ließ zumindest die Demo von Need for Speed: Rivals auf einem Windows 7 PC laufen. Aufgefallen nur deshalb, weil das Spiel mit schöner Regelmäßigkeit mit einem Win7 Screen abstürzte. Nun gut, das ist nichts Ungewöhnliches, da viele Publisher in der Entwicklung noch nicht so weit sind und Spiele lieber gut als PC-Demo, denn schlecht als Konsolendemo präsentieren. Es bleibt aber der fade Beigeschmack, ob das fertige Spiel auf der Konsole denn so aussieht, wie auf dem PC vorgeführt?

Trotz der großangekündigten Präsentationen beider Konsolen blieb das erhoffte „Wow, das ist sie also“-Erlebnis aus. Das lag einerseits an der Grafik, die einfach zu wenig Unterschied zur aktuellen Konsolengeneration bietet, aber andererseits auch am mangelnden Risiko. Ausgetretene Pfade bei Spielen, wohin das Auge blickt. Kein Mut zur Lücke, stattdessen bekannte Games allerorten. Allein die Liste der Gewinner der gamescom Awards 2013 kann kaum mehr als ein höflich unterdrücktes Gähnen auslösen. Destiny? Ja, tolle Endzeit-Grafik, aber letzten Endes ein Shooter bekannter Machart. Zelda & Mario Kart? Wo sind Nintendos Innovationen? Forza, Fifa, Battlefield & Elder Scrolls? Bereits bekannt! Es stellt sich also die Frage, warum für diese Titel eine neue Generation von Konsolen nötig wäre?

Xbox One Präsentation - Foto: M. Arm
Xbox One Präsentation – Foto: M. Arm

Ich bin der festen Überzeugung, dass die Playstation 4, Xbox One und Wii U die letzte Konsolengeneration mit physischen Medien sein wird. Xbox 360 und PS3 haben den Weg zu digitalen Inhalten geebnet, die Wii U zieht jetzt mit. Die nächsten Konsolen werden aller Voraussicht keine „echten“ Videospielkonsolen mehr sein, sondern die eierlegenden Wollmilchsäue, die Microsoft schon jetzt im ersten Versuch mit der Xbox One präsentieren wollte, aber am Widerstand der Spieler scheiterte. Es werden wohnzimmertaugliche Allround-Maschinen für die gesamte Familie werden, die per Download die gewünschten Inhalte präsentierten, sei es TV, Internet, Spiele oder Telefonie. Genießen wir also die kommende restliche Zeit mit den zukünftigen Dinosauriern.

2 Gedanken zu „gamescom 2013 – der Versuch einer Nachlese“

  1. „die eierlegenden Wollmilchsäue, die Microsoft schon jetzt im ersten Versuch mit der Xbox One präsentieren wollte, aber am Widerstand der Spieler scheiterte“

    Ich glaube nicht, dass es das Problem der One war, dass sie die eierlegende Wollmilchsau ist. Wenn ein Gerät wie die Xbox meinen „dummen“ Fernseher zu einem voll internetfähigen Smart-TV macht, was meine Medienbibliothek vom Rechner streamt, einen IP-TV Reciever ersetzt, ich statt meiner Logitech Harmony nun Sprachkommandos zum Steuern meiner Surroundanlage nutzen kann: Immer her damit.

    Was die Spieler nicht wollten, war eine Konsole, die Ferngesteuert die Spielesammlung wertlos macht (egal ob auf Disc oder virtuell), die angeblich via Kinect die NSA ins Haus holt, und das Bankkonto leerer saugt als es die Konkurrenz tut.

    In meinen Augen hat die Microsoftsche Kehrtwende einiges an Boden wieder gut gemacht, obwohl einige Schafe bei der Kinect Demo der Gamescom im Publikum immer noch unqualifiziert „LOL ROFL! Sponsored by NSA! LOLZOR!“ geblökt haben.

    Dass MS aber ausgerechnet versucht mit einem kostenlos beiliegenden FIFA den 100 Euro Preisunterschied zu versüßen, läßt mich echt an der Kompetenz einiger Xbox-PR-Angestellten zweifeln.

    1. Du hast recht, dass die Xbox One nicht das Problem an sich ist. Aber wie du im letzten Absatz schreibst, wohl das der PR-Abteilung. Man hat den Spieler förmlich mit Funktionen überrollt, die man hätte auch Stück für Stück einführen und damit besser verkaufen hätte können.
      Allerdings hat man es mit DRM maßlos überzogen. Und diesen verlorenen Boden trotz Kehrtwendung wieder gut zu machen, kostet jetzt viel Zeit und Geld.

      Zu den weiteren Funktionen: Ich brauche die tatsächlich nicht. Streamen beherrscht mein TV und meine Anlage bereits, Smart-TV habe ich ebenfalls (nutze es aber kaum) und IP-TV benötige ich nicht, da ich kaum TV schaue. Für mich wäre also die „normale“ Spielkonsole vollkommen ausreichend 😉

      An dieser Stelle vielen Dank für deine Fotos und die Mail!!!

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