Forza Horizon meets PGR meets TDU meets NfS meets DiRT meets …

Ich bin ehrlich: Hätte ich nicht aus mir unerfindlichen Gründen unangefordert ein Horizon-Testmuster erhalten, wäre das neue Forza trotz aller vorausgegangenen Lobeshymnen der „etablierten“ Seiten höchstwahrscheinlich nicht in meinem CD-Schlitten gelandet. Forza 4 war ein so marginales Vollpreis-Update des dritten Teils, dass ich schon aus purem Trotz auch kein Horizon anfassen wollte. Und wieder ehrlich: Ich hätte es wahrscheinlich bereut!

Dabei ist das Spiel in erster Linie ein Hybrid aus den besten Elementen vieler bereits bekannter Games. Das Rezept ist ganz simpel: Man nimmt einen ganz-viele-happy-People-Event wie bei DiRT 2, mischt ganz viele Autos aus Forza darunter, steckt das Ganze in eine landschaftlich wunderschöne Open World wie bei Test Drive Unlimited und fast fertig ist das Spiel. Als Einlage wirft man legale Rennen (wieder Forza, DiRT, PGR u.a.) und illegale Straßenrennen inklusive Gegenverkehr (Need for Speed – diverse Teile) hinein, rührt um und schon hat man einen schmackhaften Rennspiel-Eintopf. Damit das Ganze aber nicht zu schnell zu fade wird, würzt man Forza Horizon mit bekannten, aber wohlschmeckenden Spezialitäten. So muss man alle Straßen mit Hilfe des GPS erfahren (Test Drive Unlimited), Landschaftsfotos mit wertvollen Autos schießen, die man auf der Fahrt zum Ziel nicht beschädigen darf (wieder TDU) und erhält für alle Aktionen während der Fahrt wie gefährliche Überholmanöver, Slides, Burnouts etc. Style-Punkte, die in Project Gotham Racing noch Kudos hießen. Nicht zu vergessen ist das inzwischen obligatorische Feuerwerk bei Zieleinfahrt wie in DiRT Showdown.

Na, habt ihr nun etwa eine Vorstellung dessen, was euch erwartet? Gut! Wer jetzt aber – so wie ich im Vorfeld von Horizon – gelangweilt abwinkt, verpasst tatsächlich ein Spiel, das auch in Ermangelung der ganz großen Neuerungen funktioniert. Denn wie bei vielen Dingen im Leben macht es auch hier die Mischung. Und da man tatsächlich das Beste aus allen Welten genommen hat, ist Forza Horizon tatsächlich ein Fun-Racer mit Suchtfaktor geworden, was in meinen Augen einzig daran liegt, nicht von Rennen zu Rennen hetzen zu müssen. Und damit oute ich mich als TDU-Fan, auch wenn der zweite Teil das unfertigste und fehlerhafteste Stück Software war, was jemals in meiner XBOX 360 gelandet ist.

Aber Test Drive Unlimited habe ich trotzdem geliebt, weil ich hier fahren konnte, nur um des Fahrens Willen. Ich konnte teure Autos einfach so durch die Landschaft bewegen und habe mich teilweise gefühlt wie im Urlaub. Und genau diese Freiheit lässt euch auch Horizon. Ihr habt keinen Bock auf das nächste Rennen? Kein Problem, fahrt einfach zum nächsten Scheunenfund oder versucht mit Höchstgeschwindigkeit geblitzt zu werden oder schaut euch die liebevoll gestaltete Landschaft von Colorado und die nähere Umgebung an oder, oder, oder … Horizon zwingt euch nicht, etwas zu erledigen. Ihr könnt, aber ihr müsst nicht!

Ihr rast zu Beginn mit eurem alten, aber noch immer sooo geilen VW Corrado, den ich mir aufgrund der damals schon abscheulich hohen Versicherungsprämien niemals in der Realität leisten konnte, über sonnenüberflutete Landstraßen. Der Kreisverkehr mit dem Horizon Festival ist der zentrale Anlaufpunkt in der Mitte der der Landkarte, von dort nimmt euch das Spiel an die Hand, zeigt euch den Sonnenuntergang und lässt euch die Wahl, ob ihr Rennen fahren wollt oder … aber das hatte ich oben schon erwähnt. Hier findet ihr die Werkstatt, in der ihr Forza-üblich Schicht um Schicht Design anbringen könnt, um ein automobiles Kunstwerk zu erschaffen, könnt eure Autos wechseln oder ihr tretet einem Club bei.

Die Rennen sind in zwei Kategorien aufgeteilt. Ihr fahrt organisierte Rennen auf Asphalt und Schotter, um die Karriereleiter zu erklimmen oder ihr fahrt illegale Straßenrennen, um euer Konto aufzubessern. Gelegentlich fahrt ihr ein Showrennen, in dem ihr einen weiteren fahrbaren Untersatz gewinnen könnt. Habt ihr eine Rennserie erledigt, fahrt ihr wieder ins Festzelt, holt euch ein neues, andersfarbiges Armband ab und schaltet so die nächste Serie frei. Bis dahin also Standard. Was Horizon aber so anders macht, ist nicht das Rennen an sich, sondern der Weg dorthin. Ist das Navi angeschaltet und der Zielpunkt markiert, sammelt ihr unterwegs PGR-like Style-Punkte, die euch in der Beliebtheitsskala von Sponsoren und Publikum voran bringen. Ihr überholt, ihr weicht aus, ihr rammt Schilder und Zäune und ihr driftet durch Kurven. Alles addiert sich zu Punkten, es sei denn, ihr crasht. Denn dann sind die Punkte futsch. Aber auch hier gilt: Diese Punkte sind eine lockere Beigabe, ihr müsst diese nicht zwanghaft machen, denn sie kommen von ganz allein, aus purer Freude am Fahren.

Viel spannender als von Rennen zu Rennen zu hetzen sind die anderen Aufgaben, die ihr nebenbei erledigen könnt, wenn ihr entspannt herumfahrt und die dynamischen Tageszeitenwechsel genießt. Ihr zerstört Schilder, die euch Rabatte bei Tuningteilen bringen, ihr rast von Blitzer zu Blitzer und ihr versucht alle der über 200 Straßen abzufahren. Und es gibt Scheunenfunde, in denen die absoluten Perlen der Automobilgeschichte zu finden sind. Diese werden in der Werkstatt restauriert und stehen euch dann zur Verfügung. Hier schließt sich der Kreis, denn nun wird die Sammelleidenschaft geweckt – wieder einmal. Jedoch ganz im Gegensatz zu Gran Turismo findet ihr hier keine Autos, die ihr nicht auch würdet fahren wollen. Keine Mazda MX5 in neunundvierzig verschiedenen Ausführungen! Unzählige Highlights aus zig Jahren automobiler Ingenieurskunst stehen bereit, die Landstraßen, Feldwege und Autobahnen Colorados unter die Reifen zu nehmen. Jedes Fahrzeug fährt sich anders. Je nach Klasse und Jahrgang könnt ihr förmlich fühlen, hinter welchem Steuer ihr sitzt. Das Fahrgefühl ähnelt am ehesten PGR … oder doch Forza … oder … egal, es passt.

Bei allen Huldigungen über den mehr als gelungenen Mix aus jahrelanger Programmiererfahrung gibt es aber doch den einen oder anderen kleinen Anlass zur Kritik. Mich persönlich nerven geistlose Anmachkommentare vor einem Rennen maßlos. Kann man nicht einfach in ein Auto steigen und versuchen, den vom Spiel auserkorenen Rivalen zu schlagen, ohne dass dies mit dümmlichen Pubertätssprüchen hinterlegt wird? Und auch die Radiosender sind Geschmackssache, denn meinen treffen sie nicht. Wenn Rock, dann richtig und nicht diesen Elektrorock pseudobekannter Bands. Die anderen beiden Sender mit stampfenden Beats oder Chill-Out-Geblubber sind ohnehin nichts für mich. Erschwerend kommt hinzu, dass ein Moderator alle Nase lang zwanghaft einen unsinnigen Spruch zwischen die Songs würgt. Aber zum Glück kann man das alles in den Optionen abstellen.

Und apropos Rivalen: Es gibt einen echten Anjucker! Spielen Leute aus eurer Friendlist ebenfalls Forza Horizon, könnt ihr nach einem gefahrenen Rennen versuchen, deren Geist auf diesem Kurs zu besiegen. Das Gleiche gilt auch für Blitzer, wenn andere diesen schneller durchfahren haben, als ihr selbst. Nur eine Beigabe, die euch aber regelmäßig dazu bringt, den Weg zu einem Rennen zu unterbrechen, um den einen oder anderen Blitzer doch noch einmal schneller zu durchrasen.

Um das hier abzuschließen, weil ich noch nicht alle Blitzer, Straßen, Rabattschilder und Scheunen gefunden habe und weiterspielen will: Forza Horizon passt aufgrund seiner Mischung. Es bietet nichts Neues, das habe ich schon einmal bemängelt. Aber es vermengt die bekanntesten und besten Elemente ganz vieler Spiele zu einem großen, annähernd perfekten Ganzen. Es sind die vielen Kleinigkeiten, die das Spiel von anderen abheben und die es nach vorne katapultieren. Die Autos sehen klasse aus, auch wenn hier gefühlt subjektiv GT5 die Nase optisch ein wenig voraus hat. Die Landschaft ist ein Traum und so manches Mal möchte man einfach am Straßenrand anhalten, aussteigen und sich den Wind um die Nase wehen lassen … oder die Füße ins Wasser stecken … oder ein Picknick machen … oder …

Einzig an den ewig gleichen und nach wenigen Rennen bereits nervtötenden Kommentaren und der Musik muss dringend gearbeitet werden. Und vielleicht gibt es ja spätestens auf der nächsten Konsolengeneration auch dynamische Wetterwechsel?

edit – nach diversen Online-Rennen:

Wie üblich ist der Online-Modus der Treffpunkt aller Freaks und beschämend schlecht programmiert. Wie bitte ist es möglich, dass ein Auto, welches Vollgas in eine Wand, Seitenbegrenzung oder sonst ein Hindernis abseits der Fahrspur knallt, noch immer schneller ist, als ein Fahrzeug, das auf der Ideallinie fährt? Es kann doch nicht sein, dass die versammelte Vollpfostenschaft online auch noch für eine Fahrweise belohnt wird, die mit einem Autorennen nicht im Entferntesten etwas zu tun hat. Weiterhin ist es wieder erstaunlich mit ansehen zu können, wie Autos ohne Räder am Start stehen, abwechselnd links und rechts auf dem Bildschirm aufploppen, sich in der Luft überschlagen und weitere programmiertechnische Kapriolen schlagen und trotzdem Rennen gewinnen. Also nochmal ans Reissbrett, wer testet eigentlich den Online-Modus, bevor der auf Spieler losgelassen wird? Diverse Fehler reißen also wieder einmal ein bis dato gutes Spiel in den Abgrund, so dass man online wieder nur mit guten Freunden spielen sollte, um seine Nerven zu schonen.

Ich wünsche mir wirklich einmal einen realen Online-Modus mit „echten“ Schäden, in denen diese Trolle, mit denen ich mich jetzt online herumgeärgert habe, mit Beschädigungen am Fahrzeug automatisch ausscheiden oder dem Feld hinterher humpeln. Aber vermutlich ist dann online nichts mehr los …

Und für alle Spieler, die hier in schöner Regelmäßigkeit anfragen, wie man alle Blitzer und alle Rabattschilder findet: Lest doch einfach mal die Texte vor dem Rennstart, denn da steht klar und deutlich etwas von einer SCHATZKARTE, die ihr erwerben könnt. Auf dieser ist alles verzeichnet, ansonsten fahrt eben jede Straße einfach ab und versucht euer Glück.

 

3 Gedanken zu „Forza Horizon meets PGR meets TDU meets NfS meets DiRT meets …“

  1. Sehr stimmiger Beitrag von dir. So ähnlich seh ich es auch. Bekanntermaßen bin ich kein Racer. Wenn ich jedoch 2 Stunden in einem Auto durch die Landschaft kutschiere, nur um einen anderen Bereich der Karte zu sehen, oder nach dem 10. Xbox Live Duell zu einer weiteren Runde mit dem Rabbid GTI auffordere, muss das Spiel schon einiges Richtig machen.
    Es ist kein sperduperüberundallesandereandiewandfahrend Spiel, es ist ein würdiger Nachfolger von PGR2/3. Nur in hübsch, ohne zu aufdringlich zu sein.
    Stand jetzt bockt es und reizt mich zum weiterspielen. Satt gesehen habe ich mich noch nicht, nur deine Kritik ist berechtigt:
    – NeMetal für Arme, Chillout und Technogeblubber in einem Rennspiel. Ähm vielen Dank für die Möglichkeit, eigene Musik zu nutzen.
    – Ebenso nervt das Feuerwerk im Ziel.
    – Einen hab ich noch: SChön wäre es, wenn man einstellen könnte, zum nächsten Rennen zu fahren oder zu „springen“. Noch ist das super, aber wen man zum wiederholten Male von A nach B über C und zwichendurch bei U vorbeifahren muss, kann es auf den Senkel gehen.
    Aber zum Glück gibt es die Online Rennen. Das nächste Mal fahren wir mit dem Fiat 500 die 32 KM Strecke…
    Lars

    1. Du kannst an den Außenposten von Rennen zu Rennen springen, ohne immer von Nord nach Süd fahren zu müssen … Dafür sind die nämlich da 😉

      Lass uns statt des Fiat 500 lieber den klassischen VW Käfer nehmen … den kann man tatsächlich im Autohaus kaufen!!! Ach ja, ist mein Design angekommen?

  2. Habe das Spiel heute auch mal „durchgespielt“ (muss jedoch noch einige Events gewinnen). Insgesamt hat mir das Spiel wirklich überaus gut gefallen, einzig die KI war manchmal doch ein kleiner Frustfaktor (zumindest auf Hard). Ich finde es einfach ärgerlich, wenn die KI stur der Ideallinie folgt, selbst wenn ich das Fahrzeug schon zur Hälfte passiert habe. Häufig rempelte mich die KI daher und als Reaktion darauf wurde ich langsamer oder aber die KI bezog aus dem Rempler einen magischen Geschwindigkeitsvorteil und konnte sich wieder deutlich vor mir platzieren. Auch das leider Rennspiel-typische Gummiband-Verhalten nervt einfach nur, besonders auffällig im abschließenden Star-Showdown. Ich bin dort wirklich einen sehr sehr großen Teil der Strecke nahezu fehlerfrei gefahren, der KI Kollege hingegen konnte trotz 2er Unfälle stets wieder nahe zu mir aufschließen und letztendlich kostete mich ein Fahrfehler am Ende den Sieg (habe für ein paar Bonuscredits bei nahezu jedem Rennen auf die Rewind Funktion verzichtet, der Fehler lies sich daher nicht korrigieren).

    Etwas unglücklich finde ich persönlich zudem auch diese Barn-Finds. Es gibt durchaus klassische Fahrzeuge die mir gefallen, aber letztendlich habe ich keines dieser Autos wirklich genutzt geschweige denn ein besonderes Interesse daran gehabt, diese zu benutzen. Aktuellere Fahrzeuge wären zumindest für mich deutlich motivierender gewesen.

    Extrem schade finde ich auch die geringe Anzahl der Showcase Events. Sie sind zwar alle extrem gescriptet, aber sie waren immer eine recht schöne Abwechslung zu den eher „normalen“ Events. Hätten meiner Meinung nach gerne häufiger vorkommen dürfen.

    Aber na ja, das sind auch bislang meine einzigen Kritikpunkte an dem Game. Abgesehen davon macht mir das Spiel auch nach 10h im Singleplayer noch immer enorm viel Spaß. Falls mein Import von Halo 4 noch länger auf sich warten lässt (hoffentlich nicht) werde ich wohl auch den Multiplayer etwas genauer anspielen. Die ersten Online-Runden haben mir aber nicht so sehr gefallen, zumindest waren die Mitspieler dort mehr an Autoscooter als an einem Rennen interessiert.

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