Fable Anniversary – zurück in die Zukunft?

usk16Schönheitsoperationen liegen im Trend. Die noch immer – Botox sei Dank – faltenfreie und offenbar alterungsresistente Heidi präsentiert schließlich auch jährlich aufs Neue, dass abgemagerte Hühnchen mit einem IQ knapp über dem des gemeinen Pantoffeltierchens nur gut aussehen müssen, um Erfolg zu haben.

Fassade ist alles, Inhalt ist unwichtig. Seltsamerweise lässt sich diese Aussage heutzutage auch deckungsgleich auf Videospiele übertragen. Hauptsache die Grafik macht einen auf dicke Hose, der Inhalt ist immer häufiger nebensächlich. Anders sind die ständigen FIFA, CoD und Forza-Updates nicht zu erklären.

Boxshot Wizard file used for creating global boxshotsWas also soll man nun davon halten, wenn ein 10 Jahre alter Titel einem Facelifting unterzogen wird und nochmals für eine nicht mehr ganz so aktuelle Konsolengeneration veröffentlicht wird? Nun sind 10 Jahre im Bereich der Videospiele eine Ewigkeit, aber Zocker und somit potentielle Konsumenten wachsen schließlich fast täglich nach. Warum deshalb nicht einen alten Titel auf HD trimmen und ihn neu veröffentlichen, statt sich die Mühe zu machen, mal wieder etwas Neues zu wagen?

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Nun hätte man auch einen schlechteren Titel als Fable wählen können, um dessen Falten zu glätten. Denn gerade Fable war damals seiner Zeit voraus und bot dem Spieler die Wahl, in welche Richtung er sich entwickeln möchte. Strahlender Held in schillernder Rüstung oder gefürchteter Fiesling? Entscheidungen hatten Einfluss auf die Charakterentwicklung und obendrein wurde ein schönes Märchen in fantastischer Umgebung erzählt.

Als das Remake in der Xbox 360 rotiert, ist die erste Frage nach dem neuen Outfit schnell geklärt. Fable Anniversary sieht gut aus, zumindest was Texturen angeht. Alle alten Verkleidungen bekamen durchweg einen neuen Anstrich und so erstrahlt das alte Spiel in neuem Glanz. Gebäude, Pflanzen, Personen, alles wirkt frischer und lebendiger. Allerdings verschlucke ich mich fast, als mir der zu Beginn des Spiels noch kindliche Held sein Gesicht zuwendet. Ein randdebiler Schlafzimmerblick ist mit Sicherheit nicht jedermanns Anblick. Soweit zum Thema lebendige Grafik. Die Optik ist trotz gelegentlich aufploppender Hintergründe oder Objekte und teilweise gut sichtbarem Tearing insgesamt ganz hübsch, aber Steuerung und Animationen sind noch immer nicht wirklich im Hier und Heute angekommen. Teilweise hakelt die Steuerung und zu viele Aktionen auf dem Steuerkreuz stören manches Mal den Spielfluss. An den Animationen wurde nichts geändert. Figuren drehen sich auf der Stelle oder biegen an Wegpunkten genau im rechten Winkel ab, statt den direkten Weg zu nehmen.

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Zu Beginn des Spiels müsst ihr schon die ersten Entscheidungen Richtung Gut oder Böse treffen. Verratet ihr den untreuen Ehemann oder nehmt ihr sein Bestechungsgeld an? Helft ihr dem Kind oder dem Rüpel? Bewacht oder zerstört ihr die Ware?  Aber zum Glück dient diese Episode nur der kurzen Gewöhnungsphase ans Spiel, denn nur wenige Minuten danach befindet ihr schon in der Heldengilde. Hier werdet ihr mit der grundlegenden Steuerung bezüglich des Kampfablaufes vertraut. Schwert, Bogen oder Magie stehen zur Verfügung und ihr müsst alles beherrschen, bevor ihr zu einem erwachsenen Helden heranreift und mit dem Gildensiegel in die Welt entlassen werdet.

Ab jetzt steht es euch frei, welchen Weg ihr einschlagen wollt, denn an vielen Ecken wartet eine Entscheidung auf euch. So steht ihr dem Bettler und dem Rabauken gegenüber und müsst, wenn ihr euch auf die Seite der Schwachen schlagt, die erste Ausdrucksform lernen. Ihr furzt den Rabauken an. Und hier merkt man dann Fable doch sein Alter an, denn diese Aktion liegt auf dem Steuerkreuz und kommen später noch Auslachen oder Rülpsen hinzu, wird es doch gelegentlich etwas unübersichtlich. Hier hätte man auch daran arbeiten sollen, das Xbox 360 Pad gibt mit Sicherheit mehr her.

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Und so questen wir uns frohgemut durch das Land, interagieren mit deren Bewohnern, übernehmen vielleicht Nebenquests, besuchen Städte und deren Tavernen, heiraten und basteln an unserer Reputation. Wer in den Kneipen andere Gäste zum Getränk einlädt, macht sich beliebt. Wer rülpsend und pupsend durch die Straßen flaniert, sorgt für das genaue Gegenteil. Um unsere Gesinnung noch zu unterstreichen, wird unser Alter Ego mit der entsprechenden Kleidung ausgerüstet. Helle, freundliche Klamotten sorgen für eine entspannte Atmosphäre bei den Bewohnern, während dunkle Rüstungsteile und Tattoos Angst und Schrecken verbreiten. Leider unterscheidet sich der Weg des Helden nicht im Spiel. Der Handlungsablauf ist derselbe, lediglich die Enden sind unterschiedlich.

Damals wie heute macht das Aufrüstungssystem Fable so spaßig. Besiegte Gegner lassen je nachdem ob ihr sie mit Schwert, Bogen oder Magie besiegt habt, verschiedenfarbige Kugeln fallen, die ihr entweder aufsammelt oder schon während des Kampfes ansaugt. Mit diesen gesammelten Punkten rüstet ihr in der Heldengilde euren Charakter aus. Sollen es mehr Lebenspunkte oder doch ein wenig mehr Widerstandskraft sein? Egal wie ihr euch entscheidet, ihr werdet immer wieder hierher zurückkehren, um euren Helden noch ein wenig imposanter erscheinen zu lassen.

Fazit:

Die Fable-Welt war klein und ist es auch im Remake noch. Ihr verlasst die Gilde, um den Wald zu betreten und es wird geladen. Das an sich wäre in Ordnung. Wenn aber der vollständige Gildenwald aus nur einem einzigen Ein- bzw. Ausgang und einem kleinen Rundgang besteht, fragt man sich doch, was sich die 360 da so in den Speicher lädt, zumal das Spiel linear ist. Es gibt kein Abseits des Weges, auch wenn es da noch so spannend aussieht. Und so wird jeder neue Abschnitt kurz geladen, bevor es weitergehen kann.

Ich persönlich bin kein Fan von Remakes. Das beginnt bei den unzähligen Klassikern, die von vergangenen Konsolen mit HD-Aufhübschung als digitaler Download noch einmal vermarktet wurden und endet nun bei Fable. Ein Spiel ist nur echt auf seiner ursprünglichen Konsole mit dem entsprechenden Pad. Nun ist der Unterschied zwischen Xbox und Xbox 360 nicht gar so gewaltig wie zwischen Mega Drive und Xbox 360 bzw. deren Pads, aber dennoch hätte es das Remake nicht wirklich gebraucht.

Wer sich aber erneut darauf einlässt oder vor 10 Jahren noch mit der Trommel um den Tannenbaum rannte, bekommt ein noch immer nettes Märchen mit einem noch immer umfangreichen Ausrüstungssystem präsentiert. Auch wenn Fable sein Alter trotz Facelifting und Faltenunterspritzung nicht wirklich verbergen kann, ist der Titel auch 2014 mehr als nur den berühmten Blick wert. Wer sich von anfänglichen Schlafzimmeraugen nicht beeindrucken lässt, taucht ein in Fable. Ob ihr dabei ein Held oder Bösewicht werdet, liegt ganz bei euch.

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