F1 2010

Kanada, Circuit Gilles Villeneuve, strömender Regen und ich fahre nun schon elf Runden an zweiter Stelle liegend hinter Lewis Hamilton her, während mir die Gischt auf das Visier spritzt und meine Sicht gleich Null ist. Robert Kubica sitzt mir mit weniger als einer Sekunde Abstand im Genick und mir bleibt noch eine Runde, um Hamilton noch zu überholen und doch noch den Sieg für Red Bull Racing einzufahren.

Und dann macht Hamilton den entscheidenden Fehler: Sein McLaren Mercedes dreht sich in L`Epingle, der 180 Grad scharfen Rechtskurve vor der langen Geraden Richtung Start und Ziel. Ich bin endlich vorbei und muss jetzt noch ein letztes Mal die „Wall of Champions“  überstehen …

Nach Jahren der Abstinenz findet mit F1 2010 endlich wieder ein Formel 1 Titel den Weg auf die XBOX 360, allerdings war ich doch eher skeptisch, was den Namen Codemasters betraf. Ausschlaggebend für meine Skepsis waren zwei in meinen Augen eher misslungene Titel, nämlich Racedriver Grid und Colin McRae: DiRT 2. Grid war aufgrund übermäßiger Aggressivität der KI praktisch unspielbar und Dirt 2 war ein X-Games Festival ohne ausreichenden spielerischen Tiefgang mit zuviel Brimborium drum herum. Aber glücklicherweise blieb die Enttäuschung bei F1 2010 aus! Auch wenn das Spiel einige wenige kleine Fehler hat, so werden doch die spielerischen Erwartungen eines Formel 1 Fans mehr als erfüllt.

Nach dem Einlegen der CD erwartet den Spieler ein endlich wieder aufgeräumtes und wohltuend sachliches Menü, weit und breit keine stressigen Dirt 2 Anleihen, auch wenn alle Menü-Punkte wieder über den eigenen Wohnwagen im Fahrerlager zu erreichen sind. Ebenfalls Codemasters typisch werdet ihr aufgefordert, euren Namen und weitere Daten für die anstehende Karriere einzugeben, bevor man endlich ans Steuer darf. Macht die Karriere den hauptsächlichen Umfang des Spiels aus, bietet F1 2010 aber alles, was sich der Rennspiel-Fan wünscht. So spielt ihr entweder Zeitrennen oder versucht euch an einem beliebigen Grand Prix auf eurem Lieblingskurs. Dabei habt ihr die Wahl, ob ihr das gesamte Rennwochenende inklusive aller Trainings und der Qualifyings mitnehmen wollt, oder ob ihr euch direkt ins Cockpit und Renngetümmel stürzt. Beim direkten Einstieg ins Rennen müsst ihr dann aber mit einem vorgegeben Platz in der Startaufstellung vorlieb nehmen.

Startet ihr eure Karriere, deren Dauer ihr zuvor festlegen müsst, beginnt ihr als Nobody im Stall von Lotus, Virgin oder HRT und verdient euch die ersten Lorbeeren mit Fahrzeugen, die nicht wirklich um die F1-Krone mitfahren können, es sei denn, ihr schraubt den Schwierigkeitsgrad in den Keller, aber dazu später mehr. Jetzt ab ins Cockpit! Nachdem ihr das erste Rennen der Saison ausgewählt habt, findet ihr euch am Steuer eures Boliden in eurer Box wieder. Der Rennmonitor ist eingeblendet und ihr erhaltet alle relevanten Infos über den aktuellen Status. Auf dem Live-Timing Monitor seht ihr alle Daten zur laufenden Session, d.h. welcher Fahrer momentan welche Position belegt, wer welchen Abschnitt oder welche Runde mit welcher Zeit absolviert hat, sowie wer sich gerade auf der Strecke befindet. Weiterhin könnt ihr euch den Wetterbericht einblenden lassen und ihr erhaltet alle wichtigen Informationen über die Strecke.

Die wichtigste Anzeige ist jedoch die für das Fahrzeug-Setup. Hier spielt F1 2010 eine seiner ganz großen Stärken aus, wenn man denn ein möglichst authentisches Rennerlebnis genießen möchte. Über diesen Monitor lassen sich sämtliche Einstellungen am Fahrzeug nach euren Wünschen verändern, seien es die Einstellung von Front- und Heckflügel, das Verschieben des Bremspunktes, die Anpassung der Traktionskontrolle oder das Verändern von Sturz und Spur für ein anderes Fahrverhalten in Kurven. Es gibt hier nichts, was sich nicht in irgendeiner Art beeinflussen ließe, um nicht noch die eine oder andere Zehntelsekunde aus der Strecke und dem Fahrzeug heraus zu quetschen. Aber keine Sorge, wer sich mit diesen vielen technischen Details nicht anfreunden kann, lässt sich von seinem Renningenieur eines der funktionierenden fertigen Setups einstellen und kommt damit ebenfalls mit respektablen Rundenzeiten durch das Rennen.

Wer über Streckenkenntnis verfügt und ein hautnahes, realitisches Rennen erleben will, schaltet nach Möglichkeit alle erdenklichen Fahrhilfen ab. So gibt es einige vordefinierte Schwierigkeitsgrade, aber ihr könnt diese euren eigenen Wünschen entsprechend verändern. Wer eine Strecke kennt wie seine sprichwörtliche Westentasche, fährt dann selbstverständlich ohne Hilfslinie. Wer sich in einigen Kurven noch unsicher ist, aktiviert die Hilfslinie nur für die Kurvendurchfahrten. Profis fahren weiterhin ohne aktivierte Bremshilfe und Traktionskontrolle, was allerdings zur Folge haben kann, dass beim Bremsen die Reifen blockieren oder dass das Fahrzeug beim Beschleunigen ausbricht.

Sind alle Einstellungen erledigt, geht es endlich ins erste freie Training. Ihr dürft dann beim Ausfahren aus der Box wählen, ob ihr die Boxenstraße durchfahrt und euch ins Geschehen einfädelt oder ob ihr direkt in eine fliegende Runde einsteigt. In Rennspielen aller Art heute zum Glück Standard, sucht ihr euch die für eure Spielweise passende Perspektive aus. Besonders realistisch, aber wegen mangelnder Übersicht nur Profis mit Streckenkenntnis zu empfehlen, ist die Sicht aus dem Cockpit. Ihr dreht eure Runden und gewöhnt euch an die Strecke. Und wer meint, hier über die Randsteine räubern zu können, um Sekunden einzusparen, wird schnell feststellen, dass in der Formel 1 strenge Sitten herrschen. Werdet ihr beim ersten Vergehen noch verwarnt, kann es auch passieren, dass euch die Marschalls wegen wiederholten Abkürzens oder aggressiver Fahrweise in der Startaufstellung zurücksetzen. So wurde ich zwar in der Quali Erster, durfte aber nur von Position sechs starten, weil ich fünf Plätze zurückgestuft wurde.

Während des Trainings habt ihr die Möglichkeit in Echtzeit weitere Einstellungen an eurem Boliden vorzunehmen, um euch dann im anschließenden Qualifying eine möglichst gute Ausgangs- und Startposition zu sichern. Ihr müsst nun aber nicht stundenlang vor der Konsole verbringen, sondern ihr habt in der Box auch die Möglichkeit, einen schnellen Vorlauf anzuschalten, der die Zeit bis zum Ende der Veranstaltung beschleunigt.

Habt ihr euer Training und das Qualifying zur Zufriedenheit abgeschlossen, geht es endlich ins Rennen und hier zeigt F1 2010 seine ganze Klasse. Ihr sitzt im Cockpit und starrt gebannt auf die Startanzeige … die roten Lampen leuchten eine nach der anderen auf, erlöschen schließlich und endlich ist das Rennen freigegeben! Das Fahrerfeld rast mit ohrenbetäubendem Lärm auf die erste Kurve zu und jeder versucht, zumindest seine Position zu halten oder um bis zwei Plätze zu verbessern. Aber ganz im Gegensatz zu Racedriver Grid geht die KI hier mit Bedacht zur Sache! Keine Pisten-Sau rammt euch ins Kiesbett, die KI weiß die Bremse zu benutzen und ihr merkt jedem Fahrer seine ganz eigene Mentalität an. So wird euch ein Michael Schumacher niemals kampflos vorbeiziehen lassen und stets Kampflinie fahren. Aber dem Realismus sei Dank, machen auch die Computer gestützten Fahrer Fehler. So kracht es schon mal zwischen den Piloten oder aber ihr findet einen Gegner im Vorbeifahren im Kiesbett wieder, was dann eine Gelbphase zur Folge hat. Und hier gibt es einen kleinen Kritikpunkt. Warum gibt es bei dem gestellten Anspruch an Realität bei einem Crash keine Safety-Car Phasen?

Ab einer eingestellten Renndistanz von 10% der tatsächlichen Strecke werden Boxenstopps nötig. Ihr werdet per Funk vom Team dazu aufgefordert, in die Box einzufahren. Dies könnt ihr selbst erledigen, indem ihr am Eingang der Boxengasse den Begrenzer drückt und selber an eure Box rollt oder ihr überlasst diese Aufgabe dem Computer. Nach dem kurzen Stopp geht es weiter und ihr fahrt wieder auf die Strecke. Hier ist größte Vorsicht geboten, da beim Einfahren meistens weitere Fahrzeuge auf der Strecke unterwegs sind. Aber auch hier werdet ihr per Boxenfunk vorgewarnt. Je länger eure eingestellte Renndistanz ist, desto mehr Konzentration erfordert das Rennen. Ihr versucht euren Wagen sauber durch die Kurven zu zirkeln, um hier und da noch eine Zehntelsekunde zu gewinnen und das Adrenalin fließt. Wer aber hierbei nicht konzentriert ist, landet unweigerlich im Kiesbett oder schlimmer noch, an einer Wand und beendet sein Rennen vorzeitig. Allerdings bietet das Schadensmodell hier relativ wenig, bis auf flatternde oder fehlende Reifen oder einen fehlenden Frontflügel werdet ihr keine anderen Defekte zu Gesicht bekommen. Und einen Ausfall wegen Motor- oder Getriebeschadens habe  ich bis dato auch nicht erleben dürfen.

Codemasters hat für weniger versierte Fahrer auch in F1 2010 wieder die Rückspul-Funktion eingebaut. Diese dürft ihr je nach Schwierigkeitsgrad maximal vier Mal in Anspruch nehmen und glücklicherweise lässt sie sich im Gegensatz zu Forza Motorsport 3 auch komplett deaktivieren. Allerdings hatte ich hier das subjektive Gefühl, dass der Computer ins Geschehen eingreift. So landete ich bei einem Regenrennen in Melbourne bei aktivierter Wiederholung und anders angesetzter Bremspunkte trotzdem drei Mal im Kiesbett!? Erst die vierte und letzte Wiederholung ließ mich dann das Rennen fortführen …

Besonders genial ist das dynamische Wettersystem. So kann es an einem Rennwochenende passieren, dass ihr das Training und die Quali zwar im Trockenen, das Rennen selbst aber im strömenden Regen absolvieren müsst. Es ist ebenfalls möglich, dass ein Rennen bei besten Bedingungen gestartet wird, aber im Verlauf Regen einsetzt. Damit das Rennen auf Slicks nicht zu einem Ritt auf der Kanonenkugel wird, müsst ihr dann per Knopfdruck einen Boxenstopp anfordern, um auf Regenreifen zu wechseln. Und dies tun dann meist auch die KI-Gegner, so dass in der Boxengasse Gedrängel herrscht wie in deutschen Großstädten zu Zeiten des Berufsverkehrs. Diese Wettereffekte wünsche ich mir übrigens für einen eventuellen Dirt-Nachfolger. Die Rally Monte Carlo auf teilweise noch mit Schnee bedeckten Straßen wäre wohl ein absolutes Rennspiel-Highlight!

Aber irgendwann geht jedes Rennen zu Ende und sofern ihr einen Podiumsplatz erreicht habt, fordert die Presse ihr Recht. Ihr steht per Multiple-Choice einer Reporterin Rede und Antwort, aber hier wollen Worte mit Bedacht gewählt sein. Bei zu aggressivem Auftreten leidet euer Ruf und bessere Verträge rutschen in weite Ferne. Denn auch dies spielt in der Karriere eine wichtige Rolle. Einerseits müsst ihr vom Team gestellte Aufgaben erfüllen, so zum Beispiel im Rennen Platz 10 zu erreichen oder die Nummer 1 im Team werden, andererseits muss euer Auftreten tadellos sein, um irgendwann einmal bei McLaren oder RBR ins Cockpit klettern zu dürfen. Und nur wer dreimaliger F1-Weltmeister wird, erhält den Status Legende.

Fazit:

F1 2010 bietet (fast) alles, was der F1-Fan von seinem Sport an der Konsole erwartet. Alle Daten der Saison 2010 sind aktuell, jede Strecke glänzt mit bombastischer Grafik, der Sound ist brachial und die Rennen sind schweißtreibend. Das dynamische Wettersystem sorgt für zusätzlichen Realismus bei Fahrverhalten und Boxenstopps. Für jeden Spieler gibt es den passenden Schwierigkeitsgrad und durch die Auswahl der verschiedenen Rennlängen kommen sowohl Profis, als auch Gelegenheits-Vettels mit weniger Zeit voll auf ihre Kosten. Für mich persönlich ebenfalls wichtig sind das komplett aufgeräumte und übersichtliche Menü, das nicht mit wilden Kamerafahrten und -schwenks wie in Dirt 2 nervt.

Es sind eigentlich nur wenige Punkte zu bemängeln: Einerseits fehlt mir zum großen Glück mehr Schadensmodell mit anschließender Safety-Car Phase und andererseits wurde die Parc-Fermè Regel vollkommen außer Acht gelassen. Und warum ein Online-Rennen nur mit zwölf Fahrern, statt dem kompletten Starterfeld stattfinden kann, verschließt sich mir. Aber wer damit leben kann, erhält perfekten Formel 1 Motorsport für seine Konsole!

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