Colin McRae DiRT 2

Colin McRae war und ist seit Jahren der Garant für erstklassige Rally-Spiele bei Codemasters. Und auch nach seinem tragischen Tod im September 2007 hält Codemasters am großen Namen fest und benennt auch den 2. Teil der Dirt-Serie nach der Rennsportlegende. Hieß die Serie von 1998 – 2004 noch „Colin McRae Rally“, änderte Codemasters den Namen dann 2007 in “Colin McRae Dirt“.

Und war der erste Dirt-Teil noch mehr oder weniger ein echtes Rally-Spiel mit einigen spannenden Nebenschauplätzen wie den Hill-Climbing- oder Buggy-Wettbewerben, geht es bei Dirt 2 fast nur noch um Offroad-Rennen und Rally-Raids, der klassische Rally-Sport an sich rückt leider fast vollkommen in den Hintergrund.

Selten war man als Rennsport-Fan bei einem Spiel so zwiespältig wie hier, wenn man denn ein gewohnt hochwertiges Rally-Spiel erwartet. Denn einerseits ist Colin McRae Dirt 2 ein grafisches Meisterstück, andererseits mangelt es dem Spiel schlicht und ergreifend an Umfang und Tiefe. Und dies versucht man dann aber mit einer in einem Rennspiel noch nie da gewesenen Präsentation wett zu machen. Selbstverständlich ist eine übersichtliche und gut strukturierte Menüführung wichtig, aber sie sollte Mittel zum Zweck bleiben, den Spieler von einem Event zum nächsten führen und nicht den Großteil des Spiels einnehmen. Bei Colin McRae Dirt 2 steht leider das Drumherum, nicht aber mehr das Rennen an sich im Vordergrund.

War die Menüführung in Dirt 1 noch klar strukturiert, ist man bei Dirt 2 schon nach dem dritten Rennen von immer gleichen Sprüchen („Hey XXX, tolles Rennen in Japan“) und vom ewig gleichen Ablauf vor Rennbeginn schnell genervt:
Der Spieler findet sich in der Ego-Perspektive vor seinem Wohnwagen wieder. Nach einem kurzen Blick über den Platz geht es dann per Kameraschwenk in den Wohnwagen. Hier findet sich auf einem Tisch eine große Landkarte, auf der nach und nach mit dem Sammeln von Erfahrungspunkten Event nach Event freigeschaltet wird. Klickt man hier das gewünschte Rennen an, wird die Eventkarte mit den zu vergebenen Erfahrungspunkten, Preisgeldern und Stars des Rennens plastisch dargestellt. Bestätigt man das Rennen, wird danach auf einer neuen Karte der Schwierigkeitsgrad gewählt, der sich nur in der Anzahl der verfügbaren Rückblenden, Erfahrungspunkte und Preisgelder unterscheidet. Nach einer weiteren Bestätigung schwenkt die Kamera wieder vor den Wohnwagen auf einen weiteren Tisch und zeigt hier die zur Verfügung stehenden Boliden. Hat man sich für ein Fahrzeug entschieden, folgt der nächste Schwenk auf das Fahrzeug in der Garage, es wird ein Foto geschossen und die Kamera „fliegt“ über die Weltkarte zum ausgewählten Event. Nach einer weiteren Ladesequenz, in der der Topstar des Rennens vorgestellt wird, darf man dann endlich Auto fahren.

Auf der Rennstrecke spielt Colin McRae Dirt 2 dann endlich seine ganze grafische Pracht aus. Wunderschöne Rennstrecken, ein tolles Schadensmodell und Staub- und Schmutzpartikel, wohin das Auge blickt, bei einer Motorenkulisse vom Allerfeinsten. Besonders gut gelungen sind hier die Perspektiven aus dem Innenraum oder aber die der Motorhaube, da hier echtes Geschwindigkeitsgefühl herüber kommt … mittendrin statt nur dabei. Die neue Fahrphysik ist sensationell, mit ein wenig Übung gelingen schon nach kurzer Zeit ansehnliche Drifts durch Haarnadelkurven.

Hat man aber einige Rennen hinter sich, stellt sich ganz schnell Ernüchterung ein, denn Dirt 2 ist nichts weiter als ein Racedriver Grid >>> im Offroad-Kostüm. Das beginnt mit den Rückblenden, die auch hier aufgrund erneut übermäßig aggressiver Computer-KI dringend nötig sind und endet bei den dazu gehörenden Sound-Effekten und Sprachsamples, die man alle aus Grid schon kennt. Nun wäre das nicht das Problem, wenn nicht diese Sprachsamples der ins Spiel implementierten Superstars wie Ken Block oder Travis Pastrana unpassend bis dumm wären. Beispiele gefällig? Vor dem Start kommt schon mal der Spruch: „Ich rate euch, legt euch nicht mit mir an“, während des Rennens „Kennt jemand einen guten Witz? Nein, war nur Spaß“ oder „… nur ein Kratzer“. Die Krönung kam auf der Zielgraden von Ken Block: „Hey, lasst mich hier vorne nicht so allein“ während dieser überholt wurde und nur den 2. Platz belegte.

Mit all diesen Schwächen und Unzulänglichkeiten könnte man als Rennsportfan leben, wenn denn der Strecken-Umfang stimmen würde. Aber genau das ist nicht der Fall! Wird in der Pressemeldung >>> von über 100 Rennen wie den Tag- und Nacht-Rennen um die Battersea Station in London oder den Shibuya-Tracks in Tokyo berichtet, stellt sich schnell heraus, dass dies dann auch die einzigen Kurse in London und Tokyo sind. Jedes der 8 Rennen der Japan-Etappe wird vorwärts oder rückwärts gefahren, ebenso alle 10 Rennen in London. Mal heißen die Veranstaltungen Rally-Raid, mal Last-Man-Standing oder Domination, Fakt ist, es ist jeweils nur ein einziger Track. So kommt das Spiel mit allen Etappen und Events mit  Einzelrennen, X-Games und den World-Tour-Veranstaltungen zwar auf 100 Rennen, aber dies eben auf keinen 20 verschiedenen Strecken. Und Streckenvielfalt ist nun einmal das A und O eines Rennspiels. Und nicht einmal der diesmal starke XBOX-Live-Modus kann das Spiel vor einer persönlichen Pleite bewahren.

Fazit:
Ich kann die Euphorie um Colin McRae Dirt 2 nicht teilen. Sieht man nur die Rennen an sich, wäre das Spiel ein Meilenstein der Rennspiel-Geschichte. Betrachtet man aber das geschnürte Gesamtpaket, erhält man einfach zu wenig Rennspiel und zu viel Klimbim für sein Geld. Das es anders geht, hat der erste der Dirt-Teile gezeigt. Und ich möchte mich hier auch nicht weiter über nicht vorhandene Wetterwechsel, Rennen auf Eis und Schnee und die entfallenen Hill-Climbing-Wettbewerbe auslassen. So bleibt dem Rallysport ambitionierten Spieler nichts weiter als die Hoffnung auf einen dritten Teil der Rallisport Challenge >>> aus dem Hause Microsoft, denn dort waren schon 2004 alle diese Rennen Standard.

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