Buchtipp: Stephen King – Der Anschlag

Über Stephen King lässt sich vortrefflich streiten. Seine weltweit zahlreichen Fans bezeichnen ihn auch heute noch als den Godfather des Horrors, andere halten ihn für verbraucht und literarisch flach. Die Wahrheit liegt wie bei vielen Dingen irgendwo in der Mitte. Stephen King hat großartige Romane geschrieben, auch unter seinem Pseudonym Richard Bachman, die unter die Haut gingen und die eine Ära einer neuen Literatur einläuteten.

Unvergessen sein Epos “ES”, das 1990 für weltweites Aufsehen sorgte. Der Roman wurde sogar 2005 noch einmal als ungekürzte Fassung neu aufgelegt und hatte somit mehr als den doppelten Umfang des Originals. Selbst das 2011 veröffentlichte Hörbuch brachte es damit auf über 52 Stunden Hörgenuss.

Nicht zu vergessen sind seine weiteren Romane “Sie”, “In einer kleinen Stadt -Needful Things” und “The Stand – Das letzte Gefecht”, sowie unzählige weitere, die wochenlang die Bestseller-Listen anführten und ihm eine weltweite Fangemeinde bescherten. Aber neben dem klassischen Horror-Roman veröffentliche King auch andere Werke, deren Verfilmungen sogar für den Oskar nominiert waren: “Die Verurteilten” und “The Green Mile”. Doch ganz offensichtlich gehen auch einem Künstler wie King irgendwann einmal die Ideen aus oder er muss seinen sicherlich nicht geringen Vorschüssen auch Taten, oder hier: Werke, folgen lassen. Und so waren die letzten Romane wie “Puls” oder “Wahn” absolute Enttäuschungen, die in “Die Arena” gipfelten. Die Idee, eine Stadt durch eine undurchdringliche Glaskuppel von der Außenwelt abzuschneiden, hatte ja noch etwas Nachvollziehbares, aber das diese Kuppel von Außerirdischen errichtet wird, die diese Stadt ähnlich der uns bekannten Schneekugeln als ihr Spielzeug betrachteten, ließen mich den Roman zuklappen und mich schwören, dass dies mein letzter King Roman gewesen sei.

Mein Vorsatz hielt bis zu “Der Anschlag”. Neugierig gemacht durch zahlreiche überschwängliche Rezensionen interessierte mich die Geschichte rund um John F. Kennedy, denn diese war mir bisher nur aus den zahlreichen TV-Produktionen über den Verlauf des Attentats und den daraus resultierenden Verschwörungstheorien bekannt. Mit der amerikanischen Geschichte an sich, den Folgen des Attentats für die Weltgeschichte, mit Lee Harvey Oswald und dem Leben in der dortigen Zeit hatte ich mich bisher nie wirklich beschäftigt. So packte mich einerseits der Gedanke, meine vorhandenen Wissenslücken zum Thema auf unterhaltsame Art ein wenig mehr schließen zu können und gleichfalls einen endlich wieder guten King Roman zu erhalten. Das Thema Zeitreisen fasziniert mich ohnehin seit Jahren.

Zur Story:

Jake Epping ist im Jahr 2011 ein normaler Englisch-Lehrer an einer normalen Schule. Sein Leben ändert sich, als er vom Imbissbuden-Besitzer Al erfährt, bei dem Jake gelegentlich einen Hamburger essen geht, dass dieser einen Weg in die Vergangenheit in das Jahr 1958 gefunden hat. Al selbst hat mehrere Jahre seines Lebens dort verbracht und kam irgendwann zu dem Entschluss, mit dieser Möglichkeit der Zeitreise das Attentat auf John F. Kennendy verhindern zu können. Das Problem ist aber, dass Al nun unheilbar an Krebs erkrankt ist und er weder die Zeit, noch die Kraft hat, diese Tat selbst zu unterbinden. Er bittet Jake somit um einen letzten Gefallen. Nach einem Selbstversuch beschließt dieser, den Auftrag zu übernehmen.

Mit einer gefakten Vergangenheit und falschen Ausweispapieren reist Jake in der Zeit zurück und beginnt dort ein Leben ohne die Errungenschaften der modernen Technik. Keine Computer, keine Handys und die stetige Angst der Amerikaner vor einem Atomkrieg erwarten ihn. Da das Attentat auf Kennedy 1963 stattfand, muss Jake nun fünf Jahre in einer Zeit zu verbringen, die er selbst nur aus den Geschichtsbüchern kennt. Er schließt Freundschaften, trifft die Liebe seines Lebens und beobachtet Lee Harvey Oswald, bis es zum großen Finale kommt.

King erzählt hier eine großartig recherchierte Geschichte und lässt eine längst vergangene Epoche wieder auferstehen, auch wenn diese an einigen Stellen zu prosaisch, zu rosa und zu verklärt erscheint, obwohl er die Probleme der damaligen Zeit wie Armut und Rassentrennung nicht außen vor lässt. Die Personen, die Jake in der Vergangenheit trifft, entwickeln vor dem geistigen Auge ein Eigenleben und so tauchte ich ein in eine Zeit, die die meiner Eltern und Großeltern gewesen sein muss.

Für mich hat die schwierige Thematik des zeitreisens keine logischen Fehler, alles erscheint in sich schlüssig. Einzig zwei Dinge erschienen mir im Nachhinein als zu sehr der Story geschuldet. Ohne der Geschichte vorweg zu greifen, halte ich es für unwahrscheinlich, dass ein bis dahin unbescholtener Englischlehrer einen kaltblütigen Mord an einem zukünftigen Mörder – und ich rede nicht von Lee Harvey Oswald – begeht, auch wenn die Möglichkeit besteht, durch Rückkehr in die eigene Zeit ungeschoren davon zu kommen. Weiterhin ist mir nicht klar, warum Jake einen so delikaten Auftrag von Al übernimmt, obwohl beide Männer bis auf das gelegentliche Treffen in der Imbissbude keine persönliche Beziehung zueinander haben?

Aber egal, wer damit leben kann, erhält einen endlich wieder fantastischen Roman von Stephen King. Mit dieser Meinung stehe ich nicht allein, auch der sonst sehr kritische Denis Schenk sieht das ähnlich:

http://mediathek.daserste.de/sendungen_a-z/339944_druckfrisch/9644562_die-top-ten-der-spiegel-bestsellerliste-

Wer lieber Hörbücher mag, wird bei Audible fündig. Kleiner Tipp: Unbedingt reinhören, denn der Sprecher David Nathan dürfte den meisten als Synchronstimme von Captain Jack Sparrow aus “Fluch der Karibik – Fremde Gezeiten” im Ohr sein. Das sind fast 32 Stunden purer Genuss:

http://www.audible.de/pd/B006W8Z946

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